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2. Forenblick von Proust
Über Beliebigkeit und Begriffe
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Denken ist Arbeit am Begriff. (Hegel)
Ich fand ein Posting (den Verfasser nenne ich „XYX“), habe darauf geantwortet und erhielt eine Replik. Dieses Posting Hin-und-Her scheint mir von exemplarischer Bedeutung, weil es a.) auf der inhaltlichen Ebene zeitlos (und im Moment sogar besonders) aktuell ist und b.) sozusagen eine Signatur darstellt für den ‚Geist’ der in diversen Köpfen auf diesem Forum für beständigen Durchzug sorgt. Hier der (um irrelevante Passagen gekürzte) Post-Wechsel:
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XYX:
"[...] Zumindest nicht im Sinne eines Casus Belli, da dieser wie gesagt zur inszenierung eines gerechten Krieges gabraucht wird. Um einen gerechten Krieg führen zu können muss der Kriegsgegner logischerweise ins Unrecht gesetzt werden, daraus folgt ein Casus Belli ist nur gegeben sobald der potentielle Gegner gegen die bestehende Werteordnung verstößt. Ist ein solcher Fall gegeben (bzw. kann man es zumindest behaupten) und dieser Rechtsverstoß kann durch militärisches Eingreifen geahndet oder abgestellt werden (bzw. man kann dies zumindest behaupten) so ist der Krieg als gerecht legitimiert. [...]"
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Daraufhin meine Antwort:
"Sorry, XYX, Deine Ausführungen zum "gerechten Krieg" ("bellum iustum") gehen an historischer resp. ideengeschichtlicher Erkenntnis leider ein paar Meilen vorbei. Unter "bellum iustum" segeln leider gerade in der weithin halbinformierten Friedensbewegung gänzlich verschiedene Konzepte. Ich nenne ein paar wichtige Stationen - ohne Anspruch auf Vollständigkeit:
1. "bellum iustum" bezeichnet ursprünglich nur einen "regelgerechten" Krieg (womit besonders festgeschriebene Rituale der Kriegseröffnung bzw. -erklärung) gemeint sind. Erst bei Cicero gibt es Belege dafür, daß diese Formel zur Legitimation mehr oder minder unverhohlener Machtansprüche benutzt wurde bzw. mißbraucht werden konnte.
2. Thomas von Aquin versteht unter "bellum iustum" einen Krieg, der mit der (gottgegebenen) Vollmacht des Fürsten um eine "iusta causa" geführt wird. Zuvor hatte Augustinus jeden Präventivkrieg und jede Einbeziehung "Unschuldiger" in eine kriegerische Auseinandersetzung für unvereinbar mit einem "bellum iustum" erklärt.
3. Hugo Grotius, der Begründer modernen Völkerrechts, versucht nun, diese iusta causa gleichsam material zu unterfüttern und läßt als Kriegsgrund nurmehr erlittenes Unrecht zu. Von ihm stammen denn auch maßgebliche Überlegungen zum "ius in bello".
4. Wo Geschichte prinzipiell aus der Moral entlassen bzw. die Moral in eine geschichtlich zu sich selbst kommende Vernunft sozusagen integriert wird, da erübrigt sich für Hegel die Frage nach einem "gerechten" Krieg.
5. In jüngerer Zeit ist besonders Carl Schmitt zu nennen, für den das Politische ohne Kampf schlechthin undenkbar ist.
Solche Differenzierungen sollten m.E. wenigstens gestreift werden, ehe man vorschnell losquatscht."
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Es folgte die Antwort von XYX:
"Hmm interessant, dass du mich korregierst in dem du auf etwas Bezug nimmst was ich gar nicht berührt habe.
Müsste mich zumindest sehr täuschen, wenn ich zur Entstehung etwas gesagt hätte.
Wo es jetzt, abgesehen davon, dass das alles sicherlich sehr verkürzt ist, deines Erachtens genau der Fehler liegt würde mich schon interessieren. Da du immerhin von Meilen sprichst.
Zitat:
„Solche Differenzierungen sollten m.E. wenigstens gestreift werden, ehe man vorschnell losquatscht.“
Tja mit solchen, sehr stichpunktartigen angelegten Aufzählungen können, in der Form, wohl nur recht wenige etwas anfangen, daher sehe ich nicht viel Sinn darin sie in einem allgemein zugänglichen Forum vor irgendetwas zu setzen.
Wenn du mich schon berichtigen willst, dann tu das doch wenigstens an dem was ich sage.
Die reine Aussage: „das ist Meilenweit daneben“ gefolgt von ein paar stichpunktartigen Fakten, so richtig die sicherlich sein mögen, ist wenig produktiv und den Informationswert dessen für Laien und Halblaien (wozu ich mich dann mal rechnen würde) halte ich ebenfalls für sehr begrenzt.
Ob es also im Kontext der Gesprächssituation irgendeinen Sinn macht was man zu sagen hat, sollte man wohl kurz bedenken, bevor man -wie sagtest du so schön- „vorschnell losquatscht“. (...)"
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Vorweg sei gesagt, daß mir diese (weit verbreitete) einerseits näselnd-naßforsche, andererseits dümmlich-unsachliche Art und Weise, die Sachlichkeit bloß simuliert und hierbei das allzu durchsichtige Ziel verfolgt, irgendetwas von „produktiv“ zu faseln, um seinem Gegenüber diese ‚Produktivität’ ab- und sie sich selbst volles Rohr zuzusprechen, daß mir also diese Schülersprecher-Marotte vor Urzeiten schon diverse Ausfälle abgenötigt hat. Gut, darum soll es im folgenden nicht gehen. Auch nicht darum, daß es zwar „KorrEktur“, aber auch nach neuerer ‚Rechtschreibung’ immer noch „korrIgieren“ heißt (usf. usw.). Gehen soll es im folgenden um das, was hier auf dem Forum für diskursive Strategie gehalten wird. Und es soll gehen um einen nachlässigen ‚Umgang’ mit Begriffen, der immer neu zu sinnlosem Geschwafel führt und führen muß.
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XYX wirft mir mangelnde Kontextanbindung meiner Stellungnahme vor. Dies läuft dann so: Innerhalb einer Diskussion um den Begriff des „casus belli“ benutzt XYX einen weiteren Begriff, nämlich den des „gerechten Krieges“ („bellum iustum“). Zwar haben diese beiden Termini wortgeschichtlich miteinander rein nichts zu tun (u.a., weil „casus belli“ ein neuzeitlicher Begriff ist), aber es ist natürlich nicht ‚untersagt’, seinen Assoziationen freien Lauf zu lassen, wenn sie der Klärung eines Sachverhaltes dienen. Genau dies aber tun sie nicht, weil der zur Erläuterung herbeigezogene Begriff nicht nur nichts erläutert, sondern auch noch argumentationslogisch (und das ist sehr zivil formuliert) verquer verwandt wird: Warum soll ein Kriegsgrund nur dann vorliegen, wenn ein potentieller Gegner „gegen die bestehende Werteordnung verstößt“? Warum z.B. soll als Kriegsgrund Macht nicht ausreichen (wie z.B. schon im Melier-Dialog bei Thukydides nachzulesen ist)? Auch in Absehung von der Frage, was denn nun wieder eine „Werteordnung“ ist, hat eine solche, wohl letztlich ethisch gedachte „Werteordnung“ mit der Frage der „Gerechtigkeit“ eines Krieges, (geschweige denn im Sinne eines „Rechtsverstoßes“) schlechterdings nichts zu schaffen. Dies setzte einen nicht mehr im Naturrecht fundierten Rechtsbegriff voraus, der historisch erst eine Errungenschaft der frühen Neuzeit und hier u.a. der sogenannten Lyonaiser Rechtsschule ist – und wiederum „meilenweit“ entfernt ist, von dem (zunächst) der Antike entstammenden Begriff des „gerechten Krieges“.
Dies hat mich nun veranlaßt, den zuletzt erwähnten Begriff in Form chronologisch geordneter Stichpunkte zu verdeutlichen. Ohne Anspruch, dieses Thema letztgültig oder gar erschöpfend zu behandeln (und gewiß in teilweise streitbarer Form). Begriffe indes haben eine Geschichte, innerhalb derer sie ihren Gehalt wandeln und die - verwendet man Begriffe nicht, um zu zeigen, daß man sie schon einmal gehört hat, sondern um mit ihnen zu kommunizieren – nicht einfach der Bequemlichkeit halber unterdrückt werden darf. Es ist eben nicht gleichgültig und führt zu bewußt inszenierten (wiewohl nicht weniger bescheuerten) Mißverständnissen, ob ich beispielsweise von Moral im Sinne Kants oder von Moral im Sinne Luhmanns rede. Ich kann nur diskutieren, wo klar ist, daß von Birnen geredet wird. Und der andere nicht von Obst spricht, aber Äpfel meint.
Damit nicht genug: Offensichtlich außerstande, seine eigenen Schreibversuche auch nur zu lesen, wirft mir XYX ‚unproduktive Stichworte’ mit begrenztem „Informationswert“ vor. Er wirft mir also vor, mich nicht ausführlich (!) genug geäußert zu haben – und dies neuerlich in einer humorlosen (das wäre noch verzeihlich), besonders aber vollständig beliebigen Form. Ebenso gut und mit haargenau derselben intimen Sachkenntnis, die XYX auch andernorts schon reichhaltig zu dokumentieren wußte, hätte er ‚kritisch’ anmerken können, ich trüge überhaupt immer geschmacklose Socken. Denn was ‚produktiv’ oder geschmackvoll ist, das entscheidet im Brustton der Schülersprecher-Überzeugung ganz allein er. Und die Zuweisung von „Sinn“ nimmt der Laberwichtel gleichfalls in jener einsamen Machtvollkommenheit vor, die Halbbildung schon für einen untrüglichen und sympathischen Ausweis der eigenen Qualifikation hält. Und wie wohl hätte der Vorwurf gelautet, hätte ich einen umfänglicheren Beitrag abgeliefert? Besserwisserei? Wichtigtuerei? Egal, irgendetwas paßt immer.
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