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#moo3planet

1. Forenblick von Proust

Über „Meinungen“ und Meinungen

Unbestreitbar: Diversen Forum-Postern gehe ich so sehr auf die „nerfen“, daß sie sich zu epischen Äußerungen genötigt sehen – getrieben von humanistischer Tradition, der Mitgliedschaft im Reinhard Mey-Fanclub und der heimeligen Gewißheit, eine Attacke auf mich beschere schon Zuspruch en masse. Da heißt es dann, ich fiele über sie her, „beleidigte“ sie gar, veranstaltete unaufgefordert „Who-is-the-IQ-King“-Wettbewerbe, gebärdete mich unerzogen und überheblich usf. Dabei übersähe ich doch glatt, daß wir „alle nur Menschen“ und also fehlbar sind, zumal die Menschen auf diesem Forum schlichtweg ihre „Meinungen“ und eben nicht Bewerbungsschreiben austauschen wollten und einen Oberlehrer weder benötigten, noch berufen hätten.
Vielleicht, und das ist ein zaghaftes, verschämtes ‚Vielleicht’, wird es noch Licht (nicht: licht – das ist es schon) in dem einen oder anderen Hirn. Die argumentative Falle nämlich, der keiner dieser oben zitierten Gutmenschen ausweichen kann, weil er außerstande ist, sie auch nur zu bemerken, ist die folgende: Die von mir harsch beargwöhnten „Meinungen“ werden je nach Bedarf (und somit komplett kontingent) sehr hoch oder sehr niedrig bewertet. Bekrittele ich nur rasch hingeworfene Meinungen, dann ist jede Aufregung über meine „Unverschämtheiten“ unsinnig. Wie soll es mir möglich sein (immer noch vorausgesetzt, mir läge daran), hier oder andernorts jemanden fertigzumachen (den ich gar nicht kenne), wo meine ganze Munition und meine ganze Kenntnis, doch bloß aus „Meinungen“ besteht, die irgendwer supi-unverbindlich hinschreibt oder ‚eingibt’. Ich darf mal wahllos zitieren: „Eine KI bleibt halt eine KI. Und bei Extremfällen.“ Punkt. Da kam nichts mehr. Das war die „Meinung“. Wie sollen solche „Meinungen“ ausreichen für meine offenbar immer wieder aufgeschobene Psychoanalyse? Sind es aber nicht nur Meinungsrülpser, nicht nur die sattsam bekannte Mischung aus Originalitätsgesumse und Mangel an Reflexion, sondern Aussagen, die beanspruchen, eine Kommunikation zu eröffnen, dann müssen sie sich – hier wie, überall – der Kritik, der Konkurrenz stellen. Wo solche Kritik ansetzt, das darf nur in Ministrantengruppen schon vorher festgelegt werden. Ganz abgesehen davon, daß Meinungen zunächst einmal nicht schon deswegen einen unhinterfragbaren Wert besitzen, weil sie jemand hat. Noch ein Zitat gefällig? „Meines Erachtens gab es bisher kein Spiel, das eine schlechtere Grafik hatte als Master of Orion III.“ Sich über die Grafik von MoO3 aufzuregen, ist in etwa so originell wie eine Beschwerde darüber, die Hauptakteurin eines Pornos hätte kein abgeschlossenes Studium. Ein Meinung ist einerseits kein Axiom, um darauf eine Wissenschaft zu gründen. Sie ist auf der anderen Seite auch kein Kotzeimer, den jeder fraglos für einen 56er Bordeaux halten muß. Gut, es ist unbequem und für viele Spätspontis überraschend, aber er existiert, der Zusammenhang von sprachlicher Äußerung und Denken: „Ich Singe jedenfalls weiter die erste Strophe des Deutschland Liedes, Zitat: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt. (die ja bekanntlich Verboten ist, was ich als NSler nicht so toll finde“ – postet jemand auf dem Politik-Forum. Und liefert, ohne es zu merken, den Kommentar gleich mit. Oder von einer anderen Fraktion, deren Avantgardisten dem zitierten Vollidioten nicht nachstehen: „Hat Dir keiner Deiner Lehrer gesagt, daß man nicht bewußt anderen Menschen sein eigenes, vermeintlich größeres Wissen anderen Menschen unter die Nase reibt, um sich ihnen gegenüber zu erhöhen?“ Doch, Jüngelchen, hat mir einer gesagt. Und weiß Du was ich mit dem gemacht habe? Bleibt zu fragen, wie borniert man werden muß, um anzunehmen, daß allein schon die etwas geringere Anzahl dümmlicher Schlampigkeiten und schlampiger Dummheiten, die hier als Inbegriff von Authentizität und Eigentlichkeit des Menschseins abgefeiert resp. aggressiv verteidigt wird, daß also allein schon ein paar mentale Absenzen weniger als üblich für einen Kampf gegen den selbst ernannten „Dämon“ oder den heiter bemitleideten Schwachkopf Proust ausreichen?



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