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#moo3planet

Freys Gewissen (Seite 5)

Auf der Brücke der Excalibur hielt Captain Mystic X den Blick auf die zerstörte Computerkonsole des Feuerleitrechners gerichtet, als er befahl: „Feuer!“

Ein violetter Partikelstrahl schoß zum Eingang des Wurmlochs.
„Eintritt!“
Das Shuttle verschwand in einem Wirbel blauer Wolken. Der Partikelstrahl schoß knapp daran vorbei, an die Position, die es eine Zehntelsekunde später eingenommen hätte.

Frey und Parton fanden sich inmitten eines Stroms blauer und grüner Wolkenstränge, die einen Tunnel um das Shuttle bildeten, wieder. Unbekannte Kräfte zogen das kleine Schiff zum anderen Ende des Tunnels, ohne dass Parton lenken musste.
„Wie lange dauert dieser Flug?“ fragte die junge Frau.
„Vielleicht zwanzig Minuten? Ich weiß es nicht.“ Frey lehnte sich zurück, atmete befreit auf und unterdrückte keuchend einen Hustenanfall. „Wir haben es tatsächlich geschafft.“
„Sind sie uns gefolgt?“
„Ich erhalte merkwürdige Informationen. Die Sensorreichweite beträgt höchstens fünfzig Meter... und die elektromagnetischen Messwerte in diesem Bereich sprengen die Skala... Das ist faszinierend...“
Parton sank tief in die Lehne ihres Sessels. „Dann haben wir ja jetzt Zeit, uns etwas zu erholen.“

„Sollen wir sie verfolgen?“ wollte der Fähnrich an der Steuerkonsole der Excalibur wissen.
Mystic X, der mittlerweile wieder auf seine normale Größe geschrumpft war und dessen Umhang die Farbe zurück zu rot gewechselt hatte, schüttelte den Kopf. „Nein.“ Seine roten Augen blitzten.
Hinter dem Darlok hielten zwei Sicherheitsoffiziere Großadmiral M’Banga fest. Der dunkelhäutige Mann wehrte sich nicht. Die Plasmawaffe, mit der er die Feuerleitkonsole unbrauchbar gemacht hatte, lag einige Meter entfernt auf dem Boden.
„Bringen sie den Admiral in eine Arrestzelle“, befahl der Darlok, ohne sich zu M’Banga umzudrehen. „Und Sie fliegen uns zur Erde, Fähnrich.“
„Ja, Sir.“
In dem Moment, in dem die Excalibur das System verließ, trafen die ersten Schiffe der Invasionsflotte in Moyo in.

Frey war gerade dabei, an einer Tasse heißen Kaffees zu nippen, als sich der Weltraum um das Shuttle herum plötzlich wieder schwarz färbte. Das Schiff driftete aus dem Wurmloch hinaus.
Zwischen dem Meer von Sternen schwebte in großer, roter Feuerball: Die Pollux-Sonne.
„Wir sind da. Pollux.“ Frey stellte seinen Kaffee zur Seite und betrachtete über die Datenlinse den Schiffsverkehr im System: Es gab keinen.
Parton bemerkte Freys verwirrten Gesichtsausdruck. Sie erkundigte sich, was passiert sei.
„Das ist ein Sternensystem mit mehreren bewohnten Kolonien. Aber hier gibt es keine Schiffe... keine Frachter, keine Passagierflüge...“, erwiderte Frey. „Die nächste Kolonie ist Pollux Vier. Im Orbit liegt eine Kampfstation, sonst nichts.“
„Wie ist das möglich?“
„Vielleicht... erwartet man uns...“ Frey blickte in den leeren Weltraum. Plötzlich zuckte er zurück. „Die Sensoren zeigen extrem starke...“
Vor dem Shuttle begann der Weltraum plötzlich zu wabern, die fernen Sterne verblassten und wurden urplötzlich verdeckt von einer dunklen, gigantischen Kugel.
„Was ist das, ein Mond? Eine Anomalie?“ Parton kniff die Augen zusammen.
„Nein“, Frey war schockiert, „das ist ein...“
Frey zwinkerte. Als er seine Augen wieder öffnete, saß er nicht mehr im Pilotensessel des Shuttles, sondern in einem unbequemen Stuhl mit sehr hoher Rückenlehne. Parton saß neben ihm. Sie befanden sich in einem großen, fensterlosen Raum, am Rand eines runden Tisches mit einigen Stühlen. In den anderen Stühlen saßen Psilonen.
Einer der hochgewachsenen, schlanken Außerirdischen hob beschwichtigend die Hand, als er die verwirrten Gesichter der Menschen sah. „Haben Sie keine Angst, Admiral Frey und Commander Parton. Wir haben Sie mit einem Materietransporter an Bord unseres Schiffes teleportiert. Ich bin Prälat Ziiar, Kommandant der psilonischen Flotte.“
„Sie wissen, wer wir sind?“ fragte Parton.
„Ja“, antwortete Ziiar akzentfrei, „wir haben Sie beide erwartet. Wir mögen keine geborenen Spione sein, aber unsere Informationstechnologie ist hoch entwickelt.“
Frey neigte irritiert den Kopf zur Seite. „Wenn Sie wussten, dass wir kommen, wissen Sie dann auch, warum?“
„Der bevorstehende Krieg...“, Ziiar klang traurig, „Wir wissen davon, ja.“
Parton stand auf und rief: „Was? Warum haben Sie dann nichts unternommen?“
„Was hätten wir unternehmen sollen? Hätten wir ihr Volk gewarnt, wer hätte auf uns gehört? Hätten wir Sie zuerst angegriffen, hätten wir unsere innerste Überzeugung verletzt. Wir sind keine Kämpfer, Commander. Aber wir sind auch nicht wehrlos.“
Parton setzte sich wieder. „Unglaublich“, murmelte sie.
„Ihr Schiff“, übernahm Frey, „was ist das? Ein so großes Schiff habe ich noch nie gesehen.“
„Es ist ein mobiler, künstlicher Mond, ausgestattet mit einer Tarnvorrichtung und schweren Disruptorgeschützen. Wir haben sechs Schiffe dieser Art, jedes besitzt die Feuerkraft einer ganzen Flotte. Und alle sind in diesem System, bereit, Ihre Invasionsstreitmacht zu vernichten.“
„Der Stellarkonverter...“, begann Frey.
„Ist alleine keine Gefahr für die Schilde unserer Mondschiffe“, unterbrach ein neben Ziiar sitzender Psilone. „Und wir werden Ihre Prometheus gar nicht erst in Reichweite unserer Kolonien gelangen lassen.“
„Admiral Frey, ich sehe Ihnen an, dass Sie enttäuscht sind“, erkannte Ziiar richtig. „Sie haben Ihr Leben für unser Volk riskiert. Dafür bewundere ich Sie.“
„Ich bereue nicht, die Erde verraten zu haben“, sagt Frey mit fester Stimme.
„Ich möchte Sie zum Dank belohnen, mit dem einzigen, was wir Ihnen zu bieten haben: Informationen.“
Frey horchte auf. „Informationen welcher Art?“ erkundigte er sich.
Ziiar deutete auf einen anderen Psilonen am Tisch. „Das ist Makair, Abgesandter unseres Geheimdienstes.“
Makair grüßte mit einem Nicken. „Die Erde ist nicht alleine schuld an diesem Krieg. Imperator Godworth wird manipuliert.“
Frey und Parton waren sprachlos, wollten den Außerirdischen jedoch nicht unterbrechen.
„Es gibt ein dichtes Netzwerk von Darlok-Spionen im terranischen Sektor. Einer von ihnen ist zum persönlichen Berater des Imperators aufgestiegen.“
Frey fiel es wie Schuppen von den Augen: „Mystic X!“
„Sein wirklicher Name ist Nazintas, ein Meisterspion. Er nimmt Einfluss auf den Imperator, macht ihn unvorsichtig und verschließt ihm die Augen vor der wahren Bedrohung für diese Galaxis: Den Darlok.“
„Augenblick“, Frey gestikulierte heftig, „Godworth hat den Angriff auf Trilar befohlen, nicht die Darlok!“
„Verstehen Sie mich nicht falsch, Admiral. Godworth ist gefährlich. Er verachtet die anderen Rassen, fühlt sich ständig bedroht. Sein Hass hat Viele das Leben gekostet. Und die Darlok nutzen diesen Mann, um die Galaxis zu destabilisieren. Was hat ihrer Meinung nach den Krieg gegen die Trilarianer ausgelöst?“
„Ein trilarianischer Zerstörer hat ein terranisches Patrouillenschiff in der Grenzregion angegriffen und vernichtet“, warf Parton ein, ahnte jedoch bereits, dass ihre Antwort falsch war.
Ihre Ahnung wurde bestätigt. „Nicht das trilarianische Kriegsschiff hat den ersten Schuss abgefeuert, sondern ein getarntes Darlok-Raumschiff“, erklärte Makair. „Für die Erde sah es tatsächlich aus, als hätte Trilar den Krieg begonnen. Und Godworth brauchte diesen Vorwand, um den Fanatismus seiner Bevölkerung zu wecken. Nur so konnte er die Menschheit von seiner Theorie überzeugen, die anderen Rassen stellten eine Gefahr für die Erde dar. Damit kann er nun auch den Krieg gegen uns rechtfertigen.“
Frey schüttelte den Kopf. „Die Darlok wollen also die Erde und ihre Nachbarn durch Kriege schwächen. Aber was wäre, wenn die Erde den Krieg gegen Sie, gegen die Psilonen gewinnen würde? Das Imperium wäre mit psilonischer Technologie und dem Stellarkonverter unbesiegbar.“
„Sie können diesen Krieg nicht gewinnen. Selbst wenn – im unwahrscheinlichsten Fall – Pollux zerstört werden sollte, hätte die psilonische Flotte noch immer genügend Reserven. Ihre Geheimdienste unterschätzen unsere tatsächliche Stärke bei weitem und werden von den Darlok auch gezielt getäuscht. Außerdem...“ Makair warf Ziiar einen Blick zu. Der andere Außerirdische nickte und Makair fuhr fort: „...werden die Sakkra bald eine zweite Front eröffnen.“
„Die Sakkra wollen uns angreifen?“ rief Parton.
„Der Pakt mit der Erde war nur eine Täuschung. Bald werden Schiff der Sakkra im Herbert-System einfallen, während unsere Schiffe hier in Pollux die terranische Flotte beschäftigen werden sie...“
„Wir müssen die Flotte warnen!“ unterbrach Parton.
„Wie?“ fragte Ziiar. „Wer würde auf Sie hören? Auf Verräter der Erde? Oder auf uns Psilonen?“
„Die Erde kann nicht gegen die Psilonen und die Sakkra antreten. Das wäre das Ende des Imperiums.“
„Richtig, Commander.“
Frey stöhnte: „Die Darlok haben gewonnen.“ Dann musste er husten, schlimmer als jemals zuvor.
„Noch nicht ganz...“ Ziiar wartete, bis Frey wieder zu Atem gekommen war, bis er fortfuhr: „Mit unserer Technologie und Ihrem Stellarkonverter könnten wir den Darlok Paroli bieten. Unsere künstlichen Monde könnten fünf stellare Beschleuniger aufnehmen, eine gewaltige Feuerkraft. Dennoch haben unsere brillanten Wissenschaftler den Schlüssel zu dieser Technologie noch nicht gefunden.“
„Aber freiwillig wird Ihnen Godworth den Konverter nicht überlassen“, bemerkte Frey. „Sie werden sich einen stehlen müssen.“
„Die Sicherheitsmaßnahmen in den Labors und Werften, von denen der Konverter entwickelt wurde, sind extrem streng. Er ist das bestgehütete Geheimnis des Imperators. Er schützt den Konverter besser als sein eigenes Leben, nicht einmal die Darlok-Spione haben Zugriff auf die Baupläne“, legte Makair dar. „Es gibt nur ein Exemplar dieses Gerätes, das uns zugänglich wäre...“
„Sie wollen die Prometheus erobern“, schloss Frey.
„Wir werden versuchen...“
Plötzlich erschien das Hologramm einer Psilonin in der Mitte des runden Tisches. Die Frau sagte etwas auf psilonisch, dann verschwand ihr Abbild wieder.
„Unsere Sensoren empfangen eine gewaltige Verzerrungswelle aus dem Wurmloch. Die terranische Flotte wird in wenigen Sekunden hier eintreffen.“ Ziiar erhob sich. „Ich schätze, Sie werden sich die Schlacht mit ansehen wollen, während wir auf der Kommandobrücke sind?“ wandte er sich an Admiral Frey.
Frey und Parton standen ebenfalls auf. „Wohin sollen wir gehen?“ fragte Parton.
„Nirgendwohin. Bleiben Sie einfach hier.“ Ziiar und die anderen Psilonen verschwanden, teleportiert von einem Materietransporter.
„Eine sehr bequeme Reisemethode“, meinte Frey.
Mit einem Mal schienen die Wände des Raumes durchsichtig zu werden und gaben den Blick auf den umgebenden Weltraum frei. Admiral Frey und seine Begleiterin sahen die blau Wolke des sich öffnenden Wurmlochs und das ferne Rot der Pollux-Sonne: Die beiden Menschen befanden sich inmitten einer gigantischen holographischen Projektion.
Sie sahen Dutzende kleiner grauer Punkte aus dem Wurmloch strömen: Die terranische Flotte, Kreuzer, Zerstörer und einige große Kommandoschiffe, etwa einhundert Schiffe insgesamt. Frey konnte die Prometheus aus dieser Entfernung nicht erkennen, aber er war sich sicher, dass das Schiff sich in der Angriffsflotte befand.
Kein psilonisches Schiff war zu sehen, kein künstlicher Mond. Sie waren alle getarnt, die Erdenflotte manövrierte in einen Hinterhalt. Frey sah, wie sich die terranischen Schiffe verteilten und Dreiecksformationen bildeten, die traditionelle Formation für einen Angriff.
Dann enttarnten sich die Monde und eröffneten sofort das Feuer. Grüne Disruptorladungen regneten scheinbar wahllos in die Ansammlung silberner Schiffe. Lichtblitze deuteten an, dass kleinere Schiffe unter dem Beschuss auseinanderbrachen, ihr Reaktoren explodierten. Auch von der Betrachterposition Admiral Freys begannen grüne Energiebolzen auf die ferne Flotte zuzuschießen, als der Mond, auf dem er und Parton sich befanden, in die Schlacht eingriff.
Die irdischen Raumschiffe begannen ihre Formationen aufzulösen und unternahmen Ausweichmanöver. Trotzdem zeigten sich weitere Detonationen, die Flotte verlor immer mehr Schiffe.
Plötzlich schoß in greller, gelber Energiestrahl in Richtung eines psilonischen Mondes. Doch das gigantische Schiff hielt der Gewalt des Stellarkonverters stand, zeigte außer einem Aufflackern der Schilde keine Anzeichen von Beschädigung. Frey deutete auf das Schiff, das den Konverter abgefeuert hatte und meinte nur. „Da ist sie.“
In weiterer gelber Strahl traf den Mond, dessen Schilde nun deutlich stärker leuchteten als zuvor.
Frey runzelte die Stirn. „Wie können die den Konverter so schnell aufladen?“
Parton schüttelte den Kopf und trat an die Stelle, an der das Hologramm die terranische Flotte darstellte. Sie deutete auf zwei graue Punkte. „Sie haben ihn nicht neu aufgeladen. Sie haben zwei Konverter.“
Noch während der Commander sprach, gleißten noch drei Energiestrahlen durch das All. Die Schilde des Mondes leuchteten für einen Augenblick heller als die Pollux-Sonne, dann brachen sie zusammen. Die Hülle des Giganten brach auf, Risse entstanden, zogen sich über die Oberfläche. Das Schiff erzitterte unter einer Vielzahl von Explosionen, dann verging es in einem riesigen orangefarbenen Feuerball.
Parton und der Admiral waren sprachlos. Das Hologramm waberte leicht, als die Schockwelle der Detonation das psilonische Schiff traf, auf dem sie sich befanden. „Sieht aus, als ob es für Ziiar doch nicht so einfach werden würde“, hauchte Freys Begleiterin.

Godworth saß in seinem Thron und blickte auf den ehemaligen Großadmiral M’Banga hinab. „Ich muss sagen, von Ihnen hätte ich das nicht erwartet.“
M’Banga schwieg. Hinter seinem Rücken standen zwei schwer bewaffnete Wachen in den roten Uniformen der imperialen Garde. Sein Blick war auf Mystic X gerichtet, der hinter dem Thron des Imperators stand.
„Ich bin wirklich, wirklich sehr enttäuscht“, sprach Godworth weiter, „sie schienen mir immer so loyal...“
M’Banga blickte auf seine Uniformjacke, von der eine Wache das Abzeichen des Großadmirals abgerissen hatte.
„Es ist eine Schande“, Godworth sprach mehr mit sich selbst, „denn wissen Sie, wen ich noch bis vor zweiunddreißig Stunden als besten Kandidaten für Ihre Nachfolge ausersehen hatte? Admiral Frey.“
M’Banga hob leicht den Kopf. „Das spricht für Eure Menschenkenntnis, Majestät.“
Eine Wache trat an M’Banga heran und hob ihr Plasmagewehr, um ihn mit dem Kolben zu schlagen. Godworth hob die Hand. Die Wache trat zurück.
„Zugegeben, Sie haben recht, M’Banga. Aber so etwas wird wohl nie wieder geschehen. Ich habe den Geheimdienst beauftragt, eine eingehende Loyalitätsprüfung bei den Offizieren der Flotte durchzuführen. Eine Art... Inquisition. Die Rechtgläubigen haben nichts zu befürchten.“ Godworth lächelte triumphierend.
„Mit anderen Worten: eine Säuberung“, knirschte M’Banga.
„Ja, schmerzhaft, aber notwendig. Und was Sie betrifft, M’Banga... Sie sind frei.“
M’Banga kniff die Augen zusammen. Das konnte der Imperator nicht ernst meinen.
„Und außerdem möchte ich Ihnen ein kleines Geschenk geben.“ Auf ein Zeichen Godworths traten die Wachen hinter M’Banga beiseite. „Sie erinnern sich an den Fusionskristall? Nehmen Sie ihn, er gehört Ihnen.“
M’Banga trat an das Podest, auf dem die kleine Kugel ruhte. Der winzige Lichtpunkt in ihrem Inneren strahlte noch immer hell und wunderschön. Er legte beide Hände an die Kugel und schloss die Augen.
Er hob sie hoch.
Nichts geschah. Keine Diebstahlsicherung, nichts.
M’Banga öffnete die Augen wieder und blickte zum Imperator.
„Ja, nehmen Sie ihn und gehen Sie“, sagte Godworth gnädig. Seine Augen glänzten. Er lächelte kalt.
M’Banga drehte sich um und begann zu laufen. Er wusste, man würde ihm in den Rücken schießen, wenn er den einhundert Meter langen Thronsaal durchquerte. Er lief und schloß die Augen.
Nach zehn Metern lebte er noch. Aber er würde nicht weit kommen.
Nach zwanzig Metern hielt er die Augen weiter geschlossen.
Nach dreißig Metern begann er über sein Leben nachzudenken, seine Familie. Er hatte nie Kinder gehabt, seine Frau war früh gestorben.
Nach vierzig Metern dachte er über die Fehler nach, die er in seinem Leben gemacht hatte. Loyalität, Ehre und Disziplin, alles Begriffe, die ihm immer viel bedeutet hatten.
Nach fünfzig Metern begann er sich zu fragen, warum er eigentlich noch lebte.
Nach sechzig Metern öffnete er die Augen und dachte über seine Zukunft nach, was er noch alles hätte erreichen können. Und was es wert gewesen wäre.
Nach siebzig Metern überlegte er, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte, als er Frey entkommen ließ.
Nach achtzig Metern kam ihm der Gedanke, er hätte statt auf die Feuerleitkonsole der Excalibur auf den Darlok schießen sollen.
Nach neunzig Metern dachte er, er hätte Mystic X schon lange überprüfen müssen. War der Außerirdische tatsächlich in Spion?
Nach einhundert Metern erreichte er die großen Tore des Thronsaals. Er hielt inne und atmete tief durch. Sie hatten ihm nicht in den Rücken geschossen.
Er drehte sich um.
Sie schossen ihm in die Brust.
Sein letzter Gedanke war: Hätte er sich nicht gefragt, warum er nicht tot war und sich nicht umgedreht, hätte er überlebt. Traurige Ironie.
Der Fusionskristall fiel zu Boden und rollte in den Schatten einer Säule. Dort leuchtete er wie ein ferner Stern.
Godworth betrachtete, wie M’Banga nach hinten kippte und liegen blieb. Er gab das Plasmagewehr an die Wache zurück und bedeutete ihr per Handzeichen, sich um M’Bangas sterbliche Überreste zu kümmern. „Der Großadmiral der Flotte, erschossen bei dem Versuch, ein orionisches Artfakt zu stehlen“, kicherte er. Dann wandte er sich an Mystic X: „Es läuft alles nach Plan, nicht wahr, Captain X?“
Der Darlok sprach wie gewohnt leise und ruhig: „Aber natürlich, Euer Majestät. Und mein wirklicher Name lautet Nazintas.“
Godworth drehte sich irritiert zu dem Außerirdischen um. Doch bevor er etwas sagen konnte, erschien vor dem Thron das holographische Abbild eines imperialen Offiziers. „Euer Majestät“, sagte er, „wir erhalten gerade eine Nachricht der Prioritätsstufe Zeus A1 aus dem Herbert-System.“
„Durchstellen.“ Godworth fuhr ruckartig herum.
Das Hologramm des Offiziers wurde ersetzt durch die schwarzweiße Abbildung eines untersetzten Mannes: Des Gouverneurs von Herbert Eins. Der Mann gestikulierte heftig und war völlig außer Atem. Das Bild flackerte und der Ton der Nachricht wurde teilweise von statischem Rauschen überlagert. Godworth verstand nur Satzfragmente: „...einen Angriff melden. Wir brauchen Unterstützung... alle... sind vernichtet... sind tot... über zweihundert Schiffe... und bombardieren den Planeten. Wir evakuieren... Ich wiederhole: Angriff... Sakkra-Raumsektor... die Sternenfestung verloren...“ Die Nachricht brach ab und das holographische Abbild des Nachrichtenoffiziers kam zurück.
„Was sollen wir tun, Majestät?“
„Schicken Sie Schiffe ins Herbert-System!“ rief Godworth atemlos. Er ballte die Hände zu Fäusten.
„Es tut mir leid, Euer Hoheit, die Erste und Zweite Flotte befinden sich im Einsatz in Pollux. Wir haben nur einige veraltete und reparaturbedürftig Schiffe verfügbar.“
Godworth unterbrach die Verbindung mit einer Schalttafel an der Armlehne des Throns und biß die Zähne zusammen. „Die Sakkra“, keuchte er und drehte sich zu Mystic X um. „Was geht da vor sich, können Sie mir das...“
Der Darlok war verschwunden.

Die beiden überlebenden psilonischen Mondschiffe zogen sich in genau dem Moment zurück, als die Kommandanten der terranischen Flotte die Nachricht erhielten, den Angriff abzubrechen.
Frey beobachtete, wie die grauen Punkte wieder im Wurmloch verschwanden, einer nach dem anderen. Mehr als drei Dutzend Punkte blieben aber zurück: ausgebrannte Wracks, Trümmer, sinnlose Zerstörung. Der Admiral ließ seinen Blick zu den Überresten der vier zerstörten psilonischen Schiffe schweifen, gigantische Trümmerfelder, ein Gemetzel. Er wusste nicht, wie viele Psilonen an Bord dieser Schiffe gewesen waren, aber die Verlust an Leben mussten auf beiden Seiten gewaltig gewesen sein. Und auf terranischer Seite führten die Sakkra das Töten fort.
Parton trat an Freys Seite und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Das Schlimme ist“, flüsterte der Admiral, „dass ich nicht weiß, ob mir die Menschheit leid tun soll, oder ob wir nur die Rechnung für unsere Verbrechen bezahlen.“
Neben den Menschen materialisierte Ziiar. Er senkte den Kopf und bedeckte seine Augen mit den Händen, die traditionelle Methode der Psilonen, der Toten zu gedenken. „Es mag Sie interessieren, Admiral, dass die Prometheus zerstört wurde.“
Frey schüttelte den Kopf. „Es war nicht mehr mein Schiff. Wie geht es bei Ihnen?“
„Es waren fast fünfzigtausend Psilonen an Bord der vier zerstörten Schiffe. Keine Überlebenden. Und die anderen beiden Schiffe sind schwer beschädigt, es gibt weitere Opfer. Die terranische Flotte hat zweiundvierzig Schiffe verloren. Weitere vierzigtausend Tote, schätze ich.“
„Was haben Sie nun vor“, fragte Parton Ziiar.
„Ich erwarte Befehle von unserm Souverän Kirsus I. Wir werden die Erde nicht angreifen, soviel ist sicher. Vielleicht wird die Flotte an den Rand des Darlok-Raums verlegt, um den Druck auf die Spione zu erhöhen. Die Menschen dürften für den Moment mit den Sakkra beschäftigt sein.“
Frey keuchte. Dann nickte er. „Der Krieg beginnt gerade erst, oder?“
Ziiar brauchte nichts zu sagen.

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