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#moo3planet

Freys Gewissen (Seite 3)

Als Commander Parton wieder zu sich kam, lag sie in einem kleinen Raum, sie konnte nicht einmal die Arme von sich strecken, ohne an die Wände zu stoßen. An der Decke erhellte eine kleine Lampe Regale an drei Wänden, darin lagen kleine technische Geräte, Ersatzteile. Die gepanzerte Tür war anscheinend verschlossen, denn für gewöhnlich reagierte der Öffnungsmechanismus auf die kleinste Bewegung.
Parton versuchte aufzustehen, ihre Nase schmerzte noch immer. Sie hörte ein leises Summen, der Boden vibrierte leicht, Anzeichen eines nahegelegenen Antriebssystems. Ein Shuttle, Parton befand sich an Bord eines kleinen Zubringerschiffs.
Sie zog sich an einem der Regale hoch, musste jedoch gebückt stehen, da der Raum lediglich etwas mehr als eineinhalb Meter hoch war. In keinem der Regale lag etwas, was ihr im Augenblick von Nutzen sein konnte, keine Waffen oder Werkzeuge, mit denen sie die Tür hätte öffnen können.
Der Commander tastete nach der kleinen silbernen Metallplatte, die an ihrem Uniformkragen haften sollte: Ihrem Kommunikator. Er war verschwunden und mit ihm jede Möglichkeit, mit anderen Personen an Bord des Shuttles Kontakt aufzunehmen.
„Commander! Ich sehe, sie sind aufgewacht“, erklang plötzlich über den Lautsprecher eine Stimme, die Parton vage bekannt vorkam. „Ich glaube, es dürfte sie interessieren, dass Admiral Frey tot ist.“
Es war die Stimme Doktor Wangs.

Großadmiral M’Banga neigte kurz den Kopf zur Seite, als die goldene Metallscheibe auf seinem Uniformkragen leise zu summen begann. „Entschuldigen Sie mich kurz“, wandte er sich an Godworth und den Rest des Beratungsstabes, verließ den Planungsraum und ging zu einem kleinen Holoprojektor, der im Vorzimmer an der Wand angebracht war.
Als er wiederkam, sagte er nur: „Es gibt schlechte Neuigkeiten, Euer Majestät.“

„Tot?“ Parton war entsetzt.
„Ja, in der Tat. Atomisiert, die Plasmaladung hat ihn einfach... aufgefressen.“
„Wang, sind Sie das?“
„Doktor Wang, bitte, soviel Zeit muss sein.“
„Wo sind wir?“
„Wir sind an Bord des Shuttles... Nummer Zwölf, wenn ich mich nicht irre. Aber keine Sorge, sie werden keine Zeit haben, raumkrank zu werden, denn in einigen Stunden erreichen wir die Geheimdienstbasis auf Vox Alpha. Dort wird man sich um Sie kümmern.“
Parton sank wieder auf den Boden. „Warum bringen Sie mich nicht gleich um? Was soll dieses Spiel?“
„Nun, zum einen hatte ich nur einen Schuß mit der verdammten Waffe. Außerdem... könnten Sie vielleicht noch von Nutzen sein.“
„Wie?“
„Stellen Sie sich vor, Admiral Freys Erster Offizier, seine rechte Hand, verkündet in aller Öffentlichkeit, dass der Admiral sich als Verräter herausgestellt hat, als Feind der Erde, der seine eigenen, wirren Vorstellungen von der Zukunft hatte. Ein Irrer, der von den feindseligen Psilonen zum Verrat verleitet wurde. Niemand würde mehr am aggressiven Kurs des Imperators zweifeln.“
„Was der Imperator vorhat, ist nur zu offensichtlich. Sie können seinen Größenwahn nicht vor der Bevölkerung verbergen. Es wird Aufstände geben, eine Rebellion.“
„Und was macht Sie da so sicher? Das Militär steht loyal zu unserem Anführer. Die Sicherheitskräfte werden jeden Umsturzversuch im Keim ersticken. Und die öffentliche Meinung kann manipuliert werden.“
Parton schwieg.
„Die einzige Möglichkeit wäre, wenn jemand die Psilonen vor dem Angriff warnen würde... aber leider ist die einzige Person, die dies hätte versuchen können, tot.“
„Admiral Frey ist... war nicht der einzige intelligente Offizier in der Flotte. Er glaubte...“
Wang fing an zu schreien: „Woran? An den Wert des Lebens? An die Demokratie? An den Frieden? Das sind veraltete Konzepte. Wir, die Menschheit, kämpfen ums Überleben in einer Galaxie voller Feinde. Es wird erst Frieden geben, wenn über jeder bewohnten Welt die Flagge der Erde weht...“ Dann erklang ein heftiges Husten, Wang musste sich verschluckt haben.
Parton sprach ganz leise, mehr zu sich selbst: „Ich verstehe nicht, wie Sie so etwas glauben können.“
„Nun“, Wangs Stimme nahm plötzlich einen völlig anderen Klang an, „ich glaube, es ist genug.“
Die Tür zu Partons Gefängnis öffnete sich.

Aus dem Orbit betrachtet war Sssla eine schöne, blau leuchtende Welt, größer als die Erde und um vieles älter. Kaiser Draken betrachtete den Planeten seiner Geburt von Bord seines Flaggschiffs. Er sah die großen, wilden Ozeane und die zwölf Kontinente. Und er sah die Flotte der Sakkra, die sich im Orbit versammelte. Kleine Lichtblitze weit vom Planeten entfernt kündeten vom Eintreffen weiterer Schiffe. Bald würden hier zweihundertundsiebzehn Zerstörer, Kreuzer und Schlachtschiffe versammelt sein, eine gewaltige Streitmacht.
Draken lauschte den Funksprüchen seiner Kommandanten, alle freuten sich auf das Kräftemessen mit der Erde. Das Reich der Sakkra war den Menschen zwar technologisch unterlegen, doch die reine Anzahl der Schiffe musste den Sieg garantieren. Eine glorreiche Schlacht stand bevor.

„Admiral?“ In Partons Gesicht spiegelten sich Freude und Verwirrung.
Ein lächelnder Frey trat gebückt in den niedrigen Raum und reichte seinem Ersten Offizier die Hand. „Willkommen an Bord, Commander. Ich weiß, Sie haben einige Fragen, aber kommen Sie erst einmal aus diesem Materiallager heraus.“
Parton kroch aus dem Raum in die Passagierkabine des Shuttles, und warf sich auf einen der sechs Sessel. Vor dem kleinen, viereckigen Fenster sah sie anstatt Sternen lange, bunt schillernde Streifen am Schiff vorbei ziehen: Der Hyperraum.
Frey setzte sich neben sie und hustete. Dann sagte er: „Das Shuttle fliegt auf Autopilot. Wollen Sie sich zuerst etwas ausruhen oder...“
Parton winkte ab.
„Na schön, meine Geschichte. Nun, Sie erinnern sich an die Plasmapistole, die Wang bei sich trug? Ich weiß nicht, wo er sein Schießtraining absolviert hat, doch er hatte wohl keine Ahnung, dass es sich um... eine...“ Frey hatte einen regelrechten Hustenanfall und rang nach Luft.
„Was ist los, Admiral, kann ich Ihnen helfen?“
Frey holte tief Luft, schwieg für einen Augenblick. „Es geht schon. Wie gesagt, Wang wusste wohl nicht, dass es sich um eine Waffe mit extrem kurzer Reichweite handelt. Er stand in drei Meter Entfernung als er schoß und die heiße Plasmawolke löste sich einen halben Meter vor meinem Gesicht auf, anstatt meinen ganzen Körper zu verbrennen. Ich atmete Teile des heißen Plasmas ein, daher dieses Husten. Ich glaube, es hat meine Luftröhre etwas versengt, oder sogar meine Lunge.“
„Und Doktor Wang?“
„Erinnern Sie sich an dieses Modell des Stellarkonverters, das auf meinem Schreibtisch steht... oder besser: stand. Das Ding war aus massiver Bronze, etwa sechs Kilogramm schwer. Als ich vor der Plasmawolke zurückwich, stieß ich gegen den Schreibtisch und meine Hand berührte das Modell. Wang sah, dass ich Atemprobleme hatte und wollte sich auf mich stürzen, da rammte ich den Konverter gegen seinen Kopf.“
Parton musste lächeln. „Grausame Ironie. Das Werkzeug des Bösen wird zum letzten Strohhalm des Guten.“
„Ja, das könnte man sagen. Wang brach zusammen und stand nicht wieder auf.“
„War er...“
Frey musste kurz husten, fuhr dann fort: „...tot? Ich weiß nicht, aber für ihn spielt es wohl keine Rolle. Ein Geheimagent, der versagt, wird früher oder später sowieso liquidiert. Viel wichtiger war in dem Moment, was ich mit Ihnen anfangen sollte. Sie wissen, was ich über den bevorstehenden Krieg denke. Das Risiko, dass ich allein die Prometheus verlasse und Sie, Commander, meine wahren Beweggründe verraten könnten, war mir zu groß. Und wenn Sie auf meiner Seite gewesen wären, wäre auch Ihr Leben bedroht gewesen. Nun konnte ich Sie also entweder umbringen oder mitnehmen.“
„Mitnehmen? Wie haben Sie das geschafft? Um zum Shuttlehangar zu kommen, mussten Sie das halbe Schiff durchqueren. Da wäre es doch wohl jemandem aufgefallen, wenn Sie eine bewusstlose Frau getragen hätten.“
„Die Korridore waren wie ausgestorben. Ich war immer noch der kommandierende Offizier der Prometheus, haben Sie das vergessen? Ich befahl der gesamten Mannschaft, sich zum Appell im Hauptfrachtraum zu versammeln, erzählte irgend etwas von neuen Befehlen. Dann wartete ich eine halbe Stunde und rannte anschließend, so schnell ich konnte.“
„Und die Plasmaentladung in Ihrem Quartier? Hat die niemand bemerkt?“
„Nein, Wang muss vor seinem Attentat die internen Sensoren abgeschaltet haben.“
„Was geschah dann?“
„Nun, eigentlich nichts weiter. Ich startete das Shuttle und floh, bevor überhaupt jemand bemerken konnte, dass ich fehle. Das einzige, was ich noch tun musste, war Ihre Loyalität zu überprüfen...“
Parton nickte, daher also Freys Auftritt als Doktor Wang.
Der Admiral grinste. „Und nun raten Sie einmal, wohin wir fliegen...“

Godworth schritt nervös um den Tisch, auf dem noch immer ein Hologramm der galaktischen Karte schwebte. Die Mitglieder des militärischen Stabes standen betreten an den Wänden des Raums und versuchten, dem Imperator aus dem Weg zu gehen.
„Moyo“, murmelte Godworth, „Frey will nach Moyo und zum Wurmloch. Er will die Psilonen warnen, ich bin mir sicher.“
Großadmiral M’Banga trat vor: „Was sollen wir jetzt unternehmen, Euer Majestät?“
Godworth wirbelte herum und starrte M’Banga boshaft an. „Sie werden etwas unternehmen, M’Banga. Und zwar sofort.“
„Ja, Euer...“, begann der Großadmiral
„...und“, unterbrach Godworth, „Sie werden nicht alleine sein.“ Der Imperator winkte und aus den Schatten neben dem Eingang trat eine Gestalt in einem roten Kapuzenumhang, unter dem Schatten der Kapuze erstrahlten zwei rote Augen. Niemand hatte die Gestalt zuvor bemerkt, die Anwesenden fuhren zusammen.
Godworth hob die Hand. „Darf ich vorstellen? Captain Mystic X.“
Die versammelten Admirale begannen zu flüstern: „Der Darlok-Söldner...“; „Er war die ganz Zeit über hier...“
„In der Tat“, rief der Imperator. „Der Captain wird Sie auf dieser Mission begleiten, Großadmiral. Sozusagen als... Beobachter.“
„Ja, Euer Hoheit.“ M’Banga blickte zu der bemäntelten Gestalt. Er bildete sich ein, der Darlok starre ihn an, glaubte fast, den Formwandler atmen hören zu können.
Mystic X neigte leicht den Kopf zur rechten Schulter und wandte sich zum Gehen. Dann blieb er stehen und vergewisserte sich, ob der Großadmiral ihm auch tatsächlich folgte.
M’Banga warf den anderen Admiralen einen letzten Blick zu, bevor die Tür sich hinter ihm schloss.
„Und Sie, Fedorov“, fuhr Godworth fort, „werden sofort mit der Ersten Flotte nach Moyo aufbrechen. Sollte Frey tatsächlich das Wurmloch erreichen, werden Sie ihm sofort mit der gesamten Flotte folgen und den Erstschlag gegen die Psilonen führen. Die mit dem Stellarkonverter modifizierten Kreuzer und die Zweite Flotte werden im Moyo-System zu Ihnen stoßen.“
Fedorov verbeugte sich und verließ ebenfalls den Raum.
Godworth wandte sich den anderen Kommandeuren zu: „Nun zu Ihnen, meine Herren...

Bis zu ihrem Eintreffen im Moyo-System dauerte es noch acht Stunden. Das Shuttle war so programmiert, dass es direkt vor dem Eingang des Wurmlochs aus dem Hyperraum fiel.
Parton hatte es sich in der Passagierkabine gemütlich gemacht und war bereits nach kurzer Zeit eingenickt. Frey versuchte, sich etwas zu entspannen, schlafen konnte er jedoch nicht.
Offiziell war der Admiral jetzt ein Verräter, gejagt von seinen ehemaligen Freunden, die ihn respektiert und seinen Rat geachtet hatten. Er erinnerte sich an sein Karriere in der Flotte: Vom Kanonier in der Schlacht bei Atair bis zum Captain eines der wenigen überlebenden Angriffsschiffe beim Kampf gegen den Wächter von Orion. Damals, in Orion, hatte Admiral M’Banga die siegreiche Flotte befehligt. Damals, vor M’Bangas Ernennung zum Großadmiral, waren er und Frey Freunde gewesen.
Heute waren sie Feinde. Hätte Admiral Frey nicht seinem Gewissen gehorcht, wäre er, der Held von Trilar, womöglich selbst irgendwann zum Großadmiral ernannt worden. Eine verführerisch schreckliche Vorstellung...
Frey blickte auf seine Uniform und fuhr sich mit der Hand durch die grauen Haare. Auf der Brust trug er noch immer das Rangabzeichen eines Admirals: Eine stilisierte Erdkugel, umgeben von sechs goldenen Sternen. Die Erde würde er wohl niemals wiedersehen, es sei denn im Folterkeller des Geheimdienst-Hauptquartiers, falls sein Plan scheiterte.
Doch wenn er erst einmal das Wurmloch erreichte, wäre er an seinem Ziel angelangt. Denn mit seinem Wissen über die wunden Punkte in der Panzerung der Prometheus würde es den Psilonen ein Leichtes sein, das Schiff - und damit den Stellarkonverter – zu zerstören und weiteren Massenmord zu verhindern.
Dennoch, er fühlte sich schlecht. Obwohl er selbst keine Familie und nur wenige Freunde hatte, tat es ihm leid, Parton mitgenommen zu haben. Er hatte nicht nachgedacht: Die junge Frau war zwar nicht verheiratet, doch ihre Eltern lebten in einer terranischen Kolonie. Parton hatte das nicht erwähnt, weil sie noch immer loyal zu ihrem Kommandanten stand, aber Frey wusste, dass sie sich um ihre Eltern sorgte. Wenn erst einmal bekannt wurde, dass ihre Tochter die Erde verraten hatte, mussten die Eltern schwere Konsequenzen befürchten. Vielleicht wurden sie sogar in ein Arbeitslager gesteckt....
Frey konnte das nicht verantworten. Aber er wollte jetzt auch noch nicht darüber nachdenken.

Der Fähnrich am Steuerpult wandte sich zu Captain Mystic X um: „Noch acht Stunden und fünfzehn Minuten bis Moyo.“
Der Darlok nickte bedächtig.
M’Banga saß im Sessel des Ersten Offiziers und betrachtete den Formwandler. Die Mannschaft der Excalibur, des Flaggschiffs der Flotte, war dem Darlok bedingungslos ergeben. Zweifellos war Mystic X ein brillanter Kommandeur, Veteran des Krieges zwischen den Darlok und den Silikoiden und in Genie in räumlichem Denken und der Koordination ganzer Flotten. Dennoch – M’Banga traute ihm nicht. Der Außerirdische saß meist nur still da, erteilte Befehle in einer kaum hörbaren, flüsternden Tonlage.
Und seine Loyalität war zweifelhaft. Zwar gehorchte Mystic X den Befehlen des Imperators und hatte schon Dutzende siegreiche Schlachten für die Erde geschlagen, vor allem in Grenzkonflikten mit den Sakkra. Aber er war nun einmal ein Darlok, dachte M’Banga, Angehörige seines Volkes waren aufgrund ihrer Fähigkeit zum Wechseln der Körperform die perfekten Spione. Und die Darlok waren ein nicht zu unterschätzender Machtfaktor in der Galaxis geworden, nachdem sie die Silikoiden als Sklavenrasse unterjocht hatten. Zwar hatte die Erde keine gemeinsamen Grenzen mit den Darlok, doch sie konnten von einem Krieg im terranischen Sektor leicht profitieren.
Sollte Mystic X also tatsächlich als Agent arbeiten, wäre sein Volk bestens informiert über alle Pläne des Imperators. Und die Position der Erde ernsthaft gefährdet.

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