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Die Nebelmaschine (Seite 10)
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Ben erzählte mir nach und nach die ganze Geschichte. Er erzählte mir, wie er die Oszillation im Gas entdeckt hatte ... wie er zu dem Schluss gekommen war, dass die Nebeldämonen Gaswesen sein müssen und wie er sich aufgemacht hatte, um sie zu kontaktieren.
„Ich war erfolgreich!“, verkündete er uns stolz.
Er hatte in einer Tiefe von fünf AE das Gas zu Schwingungen angeregt – und die Gaswesen waren gekommen.
Jessica konnte es sich nicht verkneifen, ihn zu unterbrechen.
„Sir ... entschuldigen Sie ... es ist nur ...“
„Ja?“
„Sir, ich wüsste nur gerne ... ich wüsste nur gerne, ob diese Wesen auch einen Namen haben?!“
Ben schien von dieser Frage sehr angetan zu sein. Ich verstand erst später, dass es von Bedeutung war, dass sie einen Namen hatten – denn dann brauchten wir sie nie wieder Dämonen zu nennen.
Ben antwortete ihr.
„Sie nennen sich selber...“
Erwartungsvolle Stille...
„Imsaeis.“
Imsaeis. Ich spürte, wie der Name in mir widerhallte.
„Es sind sehr friedliche Wesen, wisst ihr.“
Und dann beschloss ich, die Frage zu stellen, von der wir alle schon unser ganzes Leben lang begleitet worden waren:
„Warum haben sie dann die Menschen angegriffen?“
Bens Blick verlor sein freundliches Lächeln. Er sah mich betrübt an und sagte:
„Weil die Menschen sie töten, Lucius.“
Mein Weltbild lag plötzlich in Trümmern.
„Wir töten sie.“
Es waren unsere Ramfelder. Noch vor einigen Wochen hatte ich mich gefragt, ob die ... Imsaeis ... wohl über ein zentrales Nervensystem verfügten. Jetzt wusste ich es. Die Menschen hatten sich des Völkermords schuldig gemacht.
Ben zeigte es uns. Die Imsaeis lebten im Gas zwischen den Korridoren – sie hatten sich beinahe überall im Nebel ausgebreitet. Es mussten Billionen von Imsaeis da draußen sein. In den Wolken waren Vorrichtungen installiert, die das Gas auf Temperaturen erwärmten, bei denen Imsaeis überleben konnten.
„Seht ihr die Infrarotquellen im Nebel? Das ist die Abwärme dieser Heizer.“
Ich sah, dass die Infrarotquellen beinahe bis an den Rand des Nebels heranreichten – beinahe bis zu den Siedlungen der Menschen.
Um schneller Ressourcen abbauen zu können, hatten die Menschen seit jeher automatisierte Ramjets durch die Korridore geschossen – auf diese Weise konnten viel effektiver Rohstoffe gesammelt werden. Diese Schiffe waren immer häufiger den Infrarotquellen immer näher gekommen. Wenn die starken Magnetfelder – die Ramfelder dieser Kollektoren - nicht das Nervensystem der Imsaeis verbrannten, dann vernichteten sie doch zumindest ihre Heizanlagen. Abertausende von Imsaeis wurden auf diese Weise getötet. Sie hatten keine andere Wahl: Sie mussten die Menschen bekämpfen, um den Genozid stoppen zu können.
So sahen also die Verhältnisse aus ... nicht sie, sondern wir waren die Aggressoren. Ich fühlte mich schuldig. Ich schwor mir, dass ich alles in meiner Macht stehende tun würde, um das Leid der Imsaeis zu beenden.
Ben erzählte weiter.
„Die Kommunikation war nicht einfach. Ich glaube, sie haben niemals wirklich verstanden, was wir Menschen sind. Sie führten mich schließlich zu diesem Ort – ich weiß nicht genau warum, vielleicht hofften sie, dass ich ihnen Antworten geben könnte.“
„Antworten?“
„Ja, Antworten. Sie glauben, dass die Habitate von ihrem Schöpfer errichtet worden sind – allerdings haben sie Probleme, diese Technologie zu begreifen. Und da sie sich sehr für ihre Ursprünge interessieren, hatten sie schon immer das Bedürfnis, mehr über diesen Ort in Erfahrung zu bringen. Die Artefakte sind ihr Heiligtum. Sie haben eine Legende: Sie glauben, dass sie in diesem ... Garten ... gezüchtet worden sind.“
„Sie nennen den Nebel einen Garten?“
„Ja. Ihre Schöpfer haben angeblich den Garten gebaut, um verschiede intelligenzbegabte Lebensformen heranzuzüchten auf das sie ihnen dienen mögen. Sie lebten mit ihrem Schöpfer an einem Ort jenseits dieses Universums ... doch dann passierte irgendetwas und der Garten wurde an diesen Ort verbannt. Damals sind auch ihre Götter verschwunden – sie wurden allein gelassen.“
„Ben das hört sich für mich nicht sehr glaubwürdig an.“
„Nachdem ich nun bereits über ein Jahr die Systeme dieser Station studiere, bin ich mir ganz sicher, dass ihre Legende auf realen historischen Ereignissen basiert. Lucius, ich habe Aufzeichnungen gefunden ... Daten ... du wirst es nicht glauben.“
Er hatte Recht behalten: Ich würde es nicht glauben.
Er gab dem Computer irgendeinen Befehl ein und ein Datenindex wurde aufgerufen. Das Bild eines Imsaeis wurde in den Raum geworfen.
„So sehen sie also aus... .“
Jessica hatte sich in den Anblick verliebt.
Der Kopf des Imsaeis war flach und breit. Er schien teilweise transparent zu sein, denn man konnte unter der Kopfdecke fremdartige Organe und eine Art Gehirn erkennen. An der Vorderseite des Kopfes verliefen links und rechts eine Reihe von tiefschwarzen Augen. Der Kopf schien ein Organ einzurahmen, das scheinbar zur Aufnahme von Nährstoffen diente – es erinnerte mich an den Kamm eines Wales. Ben erklärte, wie es funktionierte:
„Ihre Schöpfer haben zunächst ein Bakterium gezüchtet, das in der Lage ist, die chemischen Verbindungen, die man in der Atmosphäre eines Gasriesen findet, in organische Moleküle umzubauen. Auf diese Weise kann sich das Bakterium reproduzieren. Das Bakterium wiederum dient den Imsaeis als Lebensgrundlage – sie nehmen es durch diese Kämme auf – der Nebel ist voll von diesen Mikroben.“
Unter dem Kopf „hing“ ein tuchförmiges Gebilde, das irgendeine Membran zu sein schien. Aus dem Kopf des Imsaeis entsprangen eine Reihe von tentakelartigen Gliedmaßen, die anscheinend das Äquivalent eines menschlichen Armes waren und tatsächlich in eine Struktur übergingen, die einer menschlichen Hand entfernt ähnlich war. Hinten entsprang dem Kopf auf jeder Seite je ein besonders stark ausgeprägter Tentakel. Ob diese beiden ebenfalls die Funktion eines Greifarms übernahmen, weiß ich nicht.
Jessica – unsere kleine Spitzen – Xenobiologin – war hin- und weggerissen.
„Moment mal – du sagst, die Imsaeis wurden angepasst für das Leben in der Atmosphäre von Gasriesen?“
„Ja. Ich vermute, dass ihre Schöpfer die Rohstoffe solcher Planeten nutzbar machen wollten – siehst du diese Membran?“
Er deutete auf das tuchförmige Gebilde.
„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, diese Membran übernimmt keinerlei praktische Funktion. Ich meine: Sie ist für die korrekte Funktionsweise des eigentlichen Organismus nicht essentiell notwendig.“
Jessica schien zu begreifen.
„Sie wandelt die Stoffe in der Atmosphäre ... in irgendeinen Rohstoff um?“
„Den Eindruck habe ich, ja.“
Diese Debatte war ja wirklich sehr interessant, aber es gab Dinge, die mich mehr interessierten.
„Ben, du redest ständig von irgendeiner Intelligenz, die diese Imsaeis erschaffen haben soll... ?!“
Ben reagierte sofort.
„Ja, ihre Schöpfer ... die Erbauer des Nebels.“
„Wer sind die?“
„Sie nennen sich selber Antaraner.“
„Antaraner.“
„Ja. Sie sind eine sehr alte Zivilisation, Lucius. Viel älter als wir Menschen. Die Daten, die hier über sie gespeichert sind, sind bestenfalls fragmentarisch.“
„Ok Ben, du hattest über ein Jahr Zeit um mehr über diesen Nebel herauszufinden...“
„Es ist ein Garten Lucius, wie die Imsaeis schon erkannt haben. Der Nebel ist eine Art gigantische Biosphäre zur Züchtung und Entwicklung von neuen Spezies.“
„Das kann ich nicht glauben!“, unterbrach ihn Jessica.
„Bitte – wenn sie mir nicht glauben: Es ist alles in diesem Datenspeicher.“
Er gab ein Kommando ein und genetische Informationen wurden in den Raum projiziert.
„Das, was sie hier sehen, Jessica, sind sämtliche Chromosomen des Genoms der Imsaeis.“
Es war der Hammer schlechthin. Jessica war überwältigt. Die Menschen hatten niemals eine Biotechnologie entwickelt, die auch nur im Ansatz so weit fortgeschritten war.
„Was ist mit den Habitaten?“
„Mr. O’Connell, das sind die Brutstätten für alle nicht - ethereanischen Rassen – alle Nicht – Gaswesen.“
„Dort werden also Spezies entworfen und gezüchtet, die nicht wie die Imsaeis in den Nebelschwaden leben können?!“
„Exakt.“
„Und diese Biester, die uns vorhin angegriffen haben...“
Bens Hände schnellten über die Tastatur und riefen die Informationen über das Habitat ab, das wir zuerst betreten hatten. Er sah die Daten durch.
„Ah ja, die Rasse heißt Zee’ehat. Gehört zur Predator – Spezies.“
„Predator?“
„Die Antaraner haben die einzelnen Rassen in verschiedene Gruppen – Spezies genannt – eingeteilt... Humanoide, Ethereaner, Insekta ... Predatoren.“
„Ben, wie viele dieser Habitate gibt es?“
„Einige tausend.“
Wir waren alle baff.
„Sie haben hier einige tausend Rassen gezüchtet?“
„Ja ... viele sind aber ... um den Fachausdruck zu verwenden: Junk.“
„Also genetische Fehlschläge.“
„Genau.“
Anscheinend war ihre Biotechnologie doch nicht perfektioniert worden.
„Diese Habitate bilden ein Netzwerk – sie sind im ganzen Nebel verteilt. Einige der Rassen, die man hier so antreffen kann, sind von ihnen nur studiert worden ... obwohl die ebenfalls genmanipuliert sind.“
„Du meinst jemand anderes hat sie erschaffen?“
„Ja...“
Er legte eine kurze Pause ein.
„Es scheint so eine Art Gegenpol zu den Antaranern zu geben – oder gegeben zu haben, ich weiß nichts Genaueres über dieses andere Volk. Aber sie müssen ebenso mächtig wie die Antaraner gewesen sein – wenn nicht sogar noch mächtiger. Und dann habe ich da noch etwas Interessantes in diesem Archiv gefunden ... Jessica, ich glaube du wirst diese Daten interpretieren können?!“
Er warf das Bild einiger Chromosomen in den Raum.
Anscheinend konnte sie wirklich etwas mit diesen Daten anfangen, denn sie schien völlig die Fassung zu verlieren.
„Könnte mir jetzt auch mal jemand sagen, was ihr da aufgerufen habt?“
„Lucy ... das ist das menschliche Genom.“
Autsch. Musste das jetzt auch noch sein?
Was waren die Konsequenzen dieser Erkenntnis?
Ich hatte mich inzwischen daran gewöhnt, dass mein Weltbild alle fünf Minuten zertrümmert wurde. Nein, ernsthaft: Was hatte das zu bedeuten? Waren die Menschen gentechnisch erzeugt worden? Hatte man uns genetisch manipuliert und so unsere Entwicklung beeinflusst? Oder traf nichts von alledem zu und man hatte die menschliche DNS aus einem ganz anderen Grund in dieser Datenbank gespeichert ... vielleicht weil es sich bei den Menschen um eine Rasse handelte, die zu einer potentiellen Bedrohung heranwachsen konnte?! Wir wussten es nicht. Und wenn Ben es nicht wusste, dann bedeutete das, dass es nichts in dieser Datenbank gab, das uns weiterhelfen konnte. Ich entschied, dass es besser war, auf weitere Spekulationen zu verzichten.
Stattdessen versuchte ich, noch andere Informationen aus Ben herauszukitzeln.
„Ben, wie kommen diese Schwerefelder zustande?“
„Das hat etwas mit dem Zentrum des Nebels zu tun.“
„Was ist im Zentrum?“
„Eine Art gewaltiger Gravitationsgenerator – er erzeugt die Anomalien, die diesen Nebel erschaffen.“
Genau das hatte ich erwartet. Ich fügte noch hinzu...
„Dann ist das Ganze hier also so eine Art...“
Ich überlegte kurz, um auch wirklich einen passenden Begriff zu wählen.
„... so eine Art ... Nebelmaschine?!“
Ben lächelte bei dieser Bemerkung.
„Genau Lucius. Ein Garten ... aber in erster Linie eine Nebelmaschine.“
Wir hatten das Rätsel also gelöst. In diesem Moment dachte ich, dass es gut war, endlich wieder mit Ben zusammen zu sein.
„Ich denke wir haben dann alle Fragen den Nebel betreffend geklärt, nicht wahr?“, warf O’Connell ein.
„Nun, dann möchte ich empfehlen, dass wir zur Mystery Diver zurückkehren und anschließend zu den menschlichen Siedlungen aufbrechen um dort Bericht zu erstatten.“
„Ihr habt ein Schiff hier?“
„Jepp. Was dachtest du denn Ben?“
Ben hatte sich aufopfernd dem Studium der antaranischen Technologie gewidmet – aber nach der langen Zeit der Einsamkeit war er nun doch froh, dass er endlich wieder in seine Heimat zurückkehren konnte.
Wir benutzten erneut den Teleporter. Die Zee’ehat waren vorsichtiger geworden, denn dieses mal ließen sie sich nicht so leicht zu einem Angriff verleiten – wir konnten ungestört die Mystery Diver erreichen. Jim war überglücklich uns wiederzusehen. Nachdem wir den Kontakt zur KI verloren hatten, hatte er irgendwann mit dem Schlimmsten gerechnet. Was nun aber zählte, war, dass wir eine Möglichkeit gefunden hatten, diesen Krieg friedlich zu beenden. Ich war stolz und glücklich. Stolz, dass meine Mission ein voller Erfolg geworden war und glücklich, weil ich mit Bens Rückkehr die Chance bekommen hatte, die Zeit noch mal zurückzudrehen.
Nachdem wir alles vorbereitet hatten, fuhren wir den Fusionsantrieb der Mystery Diver wieder hoch und begannen den Rückflug nach Iron Heart.
Wir befanden uns schon seit einer Woche auf dem Rückflug, als ich begann, mir ernsthaft einige Gedanken zu machen. Es ging nicht anders, ich musste Ben dazu befragen. Er befand sich auf der Brücke und genoss das Gefühl, im Nebel zu schweben.
„Ben.“
„Lucius.“
„Du machst es dir gemütlich?“
„Entschuldige, ich wollte dir natürlich nicht den Chefsessel wegnehmen.“
„Wir müssen reden. Ben, da ist noch etwas ... etwas, was mir noch nicht ganz klar ist.“
„Was denn mein Sohn?“
„Dieser Nebel ... wie ist er hierher gekommen?“
Ich hatte ins Schwarze getroffen. Ich konnte an seinem Gesichtsausdruck erkennen, dass er gehofft hatte, dass ich ihm niemals diese Frage stellen würde.
„Weißt du, ich denke, es gibt einige Dinge, die besser nicht bekannt werden sollten.“
„Ben, bitte, ich muss es wissen. Was hast du in den Aufzeichnungen entdeckt?“
Ich konnte erkennen, wie er mit sich selber rang. Schließlich fasste er sich ein Herz, atmete tief durch und erhob wieder seine Stimme.
„Na gut Lucius. Ich will ehrlich sein:”
„Bitte.“
„Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Aber ... es gab einige Hinweise in den Aufzeichnungen, die Spielraum für Spekulationen lassen.“
„Ben, bitte...“
„Es könnte ein Unfall gewesen sein ... oder vielleicht ein physikalischer Effekt – irgendeine Anomalie, die diesen Nebel hier hergezogen hat ... aber ... es gibt vielleicht noch eine andere Möglichkeit.“
„Was für eine Möglichkeit. Hat dieser ... Gegenpol zu den Antaranern irgendetwas damit zu tun?“
„Nein, nein. Der Gegenpol hat nichts damit zu tun. Aber ... als ich die Aufzeichnungen studierte, meinte ich ... zwischen den Zeilen einige Dinge lesen zu können.“
Wir blickten uns beide sehr ernst an. Er wusste etwas... .
„Es schien mir immer so, als ob diesen Nebel irgendein dunkles Geheimnis umgeben würde ... als wäre da mehr ... als hätte noch irgendjemand anderes als die Antaraner seine Finger mit im Spiel gehabt – jemand, der noch viel mächtiger ist ... noch viel bösartiger.“
Wir sahen uns noch einige Zeit an und zum allerersten Mal seit ich denken kann, war sämtliche Freude und sämtlicher Humor aus seinem Gesicht gewichen. Dann – plötzlich - verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen, er lachte kräftig und schlug mir auf die Schulter, als wollte er mir zeigen, dass er nur einen Scherz gemacht hatte. Freundlich wie ich war, versuchte ich sein Lächeln zu erwidern. Aber ich wusste, dass es mehr als nur ein Scherz gewesen war... .
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