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Die Nebelmaschine (Seite 7)

Es waren nun schon drei Tage seit dem Gefecht vergangen. Wir waren alle froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. In der Zeit kurz nach der Auseinandersetzung mit den Nebeldämonen hatte ich ein interessantes Phänomen beobachtet: Mein Essen schmeckte mir besser als es mir jemals zuvor geschmeckt hatte und ich erfreute mich an allen Einzelheiten des ganz normalen Alltags. Ich frage mich, ob alle Menschen so empfinden, wenn sie dem Tod so nahe gewesen sind. Etwas Gutes hatte die Sache zuletzt doch gehabt: Wir waren zu einer guten Crew zusammengewachsen. Die Krise hatte uns eng aneinander gebunden.
Wir waren die meiste Zeit mit der Inspektion der Schäden beschäftigt. Wir hatten weite Teile unseres Sensorennetzwerkes verloren. Außerdem war unser Raketenschild nicht länger einsatzbereit – einen weiteren Angriff hätten wir mit Sicherheit nicht überstanden. Unsere Augen und Ohren waren nun die wenigen Sensorsonden, die den Angriff überstanden hatten. Außerdem hatte der Beschuss des feindlichen Massenkatapultes Spuren hinterlassen: Beinahe 30% der Energiematrix waren nach dem Gefecht funktionsunfähig gewesen, weil die Geschosse irgendwo irgendwelche Kabel zerfetzt hatten.
Aber wir hatten noch ein anderes Problem: Es war mir während des Gefechtes nichts anderes übrig geblieben, als das Schiff in einen abzweigenden Korridor zu steuern. Mit der Destabilisierung der Abschirmung war sehr viel Materie ins Innere des Korridors geströmt. Hätte ich den Kurs nicht geändert, wäre auch unser Schiff den Gasschwaden zum Opfer gefallen. Nur zu dumm, dass der Korridor, dessen Verlauf wir nun folgten, ganz offensichtlich wieder vom Zentrum wegführte und auch über keine Abzweigungen verfügte, die uns wieder auf Kurs gebracht hätten... .
Eine Woche später flogen wir immer noch in die falsche Richtung. Ich verbrachte viel Zeit damit, das weitere Vorgehen zu planen und ich bemühte mich, aus den bisher gewonnenen Daten schlau zu werden – vielleicht wies ja die Topologie des Nebels irgendeine Regelmäßigkeit auf – das hätte uns helfen können, einen neuen Kurs zu berechnen. Irgendwann sah ich aber ein, dass das reines Wunschdenken war und das ich Muster in einem willkürlichen Chaos aus Nebelschwaden und Kanälen zu entdecken suchte. Als ich versuchte, mich zu entscheiden, ob wir es riskieren konnten, das Schiff anzuhalten, um umzukehren und den ursprünglichen Kurs wieder aufzunehmen, tauchte Jessica in meinem Arbeitsraum auf.
Zunächst wusste ich nicht, was sie meinte. Ich werde niemals vergessen, wie sie vor mir stand, mir tief in die Augen blickte und genüsslich zu mir sagte: „Ich habe Recht gehabt!“.
„Ich habe Recht gehabt, Lucius, die ganze Zeit!“
Ich war ein armes Schwein. Ich weiß, sie wollte mir persönlich keinen Vorwurf machen – aber unabsichtlich klagte sie mich schon an – nämlich stellvertretend für all die Leute, die sie in Frage gestellt hatten. Sie wollte es ihnen allen ins Gesicht schreien – und es zerriss sie förmlich, dass sie nun, im Augenblick ihres Triumphes, nicht die Gelegenheit dazu bekam – also musste ich den Kopf herhalten. Ich machte ihr deswegen keinen Vorwurf.
„Mit was hast du Recht gehabt?“
„Mit den Außerirdischen! Lucius, es gibt vielleicht eine Möglichkeit Kontakt mit ihnen aufzunehmen!“
Und wieder einmal erlebte ich ein Deja-vu.

„Also jetzt mal langsam Jessica. Du willst mir sagen, dass sie mit WAS kommunizieren? ...mit SCHALLWELLEN? Sie regen das Gas des Nebels zu Schwingungen an, anstatt einen elektromagnetischen Sender zu verwenden?“
„Jepp.“
Das war zu viel.
„Du willst mir sagen, dass wir die Dämonen nur deshalb nicht verstanden haben, weil sie eine Kommunikationsform benutzen, die viel PRIMITIVER ist als alles woran wir gedacht haben?“
„Jetzt hast du es kapiert.“
Es gab jetzt genau zwei Möglichkeiten: Entweder hatte das arme Mädchen bei der ganzen Sache Schaden genommen oder das Universum war noch viel perverser als ich befürchtet hatte. Ich entschied mich für Möglichkeit Nr. 1 und versuchte mir vorzustellen, wie wohl ein guter Psychiater in einer solchen Situation reagiert hätte. Ich versuchte es mit Logik.
„Jessica ... Schatz. Sieh mal: Das macht doch überhaupt keinen Sinn... . Warum sollte eine raumfahrende Rasse auf eine so ... primitive Kommunikationstechnologie zurückgreifen – eine Technologie, die vor allem im freien Raum völlig nutzlos ist?!“
„Ich weiß nicht ... vielleicht hat diese Kommunikationstechnik im Nebel Vorteile. Vielleicht ist diese Technologie ganz speziell für ihre Rasse geeignet! Wahrscheinlich haben sie nie bedacht, dass wir das übersehen könnten. Sieh mal: Wir Menschen sind viel herumgekommen. Wir wissen, dass es andere Existenzformen gibt. Aber vielleicht sind diese Wesen noch nie einer anderen Spezies begegnet – oder vielleicht ist es zu lange her. Vielleicht glauben sie, dass alle intelligenten Lebensformen ihnen ähnlich sein müssen – dann wäre ihnen nie in den Sinn gekommen, dass Menschen etwas anderes als Oszillation verwenden würden, um mit ihnen in Kontakt zu treten.“
„Na gut Jessica. Aber was sollen das denn für Wesen sein? Welche Rasse würde sich so verhalten?“
„Eine Rasse, die sich hier – hier im Dämonennebel in ihrer natürlichen Umgebung befindet. Eine Rasse von Gaswesen.“
Ich versuchte es mir vorzustellen. Eine Rasse von Gaswesen. Der Gedanke war verlockend. Tatsächlich war die Gasdichte zwischen den Korridoren deutlich größer als in einem normalen planetaren Nebel – weil das Innere der Korridore als beinahe perfektes Vakuum konzipiert war, stand dem Gas ein insgesamt nur sehr viel kleineres Volumen zur Verfügung. Das hatte zur Folge, dass das Zwischenmedium mehr Ähnlichkeit mit der Atmosphäre eines Gasriesen hatte. Die Atmosphäre eines Gasriesen ist sehr viel dichter als z.B. die Lufthülle der Erde. Als Konsequenz breitet sich dort der Schall sehr viel schneller aus als wir es gewöhnt sind. Möglicherweise schnell genug, um selbst über große Distanzen ein effektives Kommunikationsmittel zu sein – effektiver als die Kommunikation mit Hilfe von elektromagnetischen Wellen – jedenfalls im Dämonennebel, denn kaum ein elektromagnetischer Sender vermochte es, die Gashüllen zu durchdringen. Eine Kommunikation war somit nur innerhalb der Korridore möglich. Die Weiterleitung von Informationen bis in die letzte Ecke des Nebels hätte ein aufwendiges Sender- und Empfänger – Netzwerk erfordert – ähnlich wie das Netzwerk, das wir aufgespannt hatten, um mit unseren Sensorsonden in Verbindung zu bleiben. Vielleicht würden Wesen, die beabsichtigten, ihre Botschaften ins Innere von dichten Gaswolken zu schicken und die unter normalen Umständen Korridore mieden, tatsächlich eine solche Kommunikationstechnik vorziehen. Natürlich nicht so primitiv, wie man es sich zunächst vielleicht vorstellen würde: Ich stellte mir gewaltige Oszillatoren vor, die im Inneren der Gaswolken hochfrequente Schwingungen erzeugten, die noch in einer Entfernung von mehreren hundert Millionen Kilometern aufgegangen werden konnten. Sie müssen wissen, es gab im Nebel keine isolierten Gaswolken: Die Korridore schlossen niemals einen Raumbereich ganz ein – es hätte also keiner zusätzlichen Nachrichtenübermittlungstechnologie bedurft, um die Informationen, die von den Oszillatoren ausgesandt wurden, in alle Gebiete des Nebels zu übertragen. Wenn sie diese Technik schon sehr lange verwendeten – sagen wir einige tausend Jahre - ...dann hatten sie vielleicht vergessen, dass eine Kommunikation über große Entfernungen auch mit anderen Mitteln realisiert werden kann.
Ich begann zu träumen... .
„Eine Rasse ... von Gaswesen!“
„Ja.“
Sie müssen wie Wale sein, dachte ich ... gewaltige Kreaturen, die ihr ganzes Leben lang einen riesigen Ozean aus Gas durchstreiften und unbekannten Geschäften nachgingen.
„Jessica, wie bist du darauf gekommen?“
„Gar nicht. Ich habe mir einfach die Sensordaten genauer angesehen und nach Anzeichen von Intelligenz gesucht. Siehst du: Das Gas, das den Korridor einhüllte, durch den wir geflogen sind, wurde den Daten zu Folge mehrfach in Schwingungen versetzt. Die Quelle der Oszillation ist unbekannt. Es kann nicht das interferierende Gravitationsfeld gewesen sein. Die Schwingung hat ein Muster. Lucius, sie haben versucht uns eine Botschaft zu schicken!“
Ich war verwirrt.
„Aber ... wie ... verdammt, Jessy – so blöd können die doch gar nicht sein. Ich meine, es ist doch klar, dass Oszillation völlig ungeeignet ist, um einem Schiff im Korridor eine Nachricht zu schicken.“
„Lucy, du hast es noch nicht kapiert.“
„Nein, ganz offensichtlich nicht.“
„Sie haben nicht versucht uns eine Botschaft zu schicken – sie haben versucht ... hm ... unserem Volk eine Nachricht zu schicken – vielleicht wollten sie uns Menschen sagen, dass wir doch bitte unsere Schiffe zurückziehen sollen. Sie denken vielleicht, dass wir auch Gaswesen sind!“
Plötzlich ging mir ein Licht auf. War es etwa das gewesen, was Ben mir damals hatte sagen wollen? Hatte er genau die gleiche Entdeckung gemacht und war er zu denselben Schlussfolgerungen wie Jessica gelangt? Wenn ja: Wieso war er dann mit seinem Kommunikationsversuch gescheitert?
Wir hatten das Rätsel wohl doch noch nicht gelöst. Aber wir sollten der Lösung des Rätsels schon sehr bald viel näher kommen... .

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