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#moo3planet

Die Nebelmaschine (Seite 4)

Die Präsentationen, die die einzelnen Wissenschaftler vorbereitet hatten, konnten von jedem Teilnehmer der Konferenz besucht werden – ich nutzte dieses Angebot voll aus und besuchte fast jeden Vortrag. Es gab ein breites Spektrum von Vorschlägen – die meisten hatten mit der Entwicklung von irgendwelchen Waffensystemen zu tun. Es gab wirklich alles – die Palette reichte von Konzepten für die Verbesserung von Massenkatapulten über einige Entwürfe für ein elektromagnetisches Schildsystem und ein Tachyon – Sensornetzwerk, das als Frühwarnsystem dienen sollte, bis hin zu einem Entwurf für einen Neutronenblaster, ein spezielles Tarnsystem für Raketen, ein Minensystem zur Abschottung der von Menschen besiedelten Korridore sowie biologische Waffensysteme oder ein Naniten – Virus, das sich automatisch über die Schiffe der Dämonen ausbreiten konnte, schwer zu entdecken war und ihre Schiffe schlagartig regelrecht zersetzen konnte – die Idee hätte jedenfalls von mir sein können.
Besonders gespannt war ich auf Jessicas Beitrag - ich hatte mir natürlich einen Spitzenplatz reserviert. Ich fragte mich, wie gut sie wohl in der Lage sein würde, eine Idee zu verkaufen. Schon als sie den Weg zum Podium zurücklegte, bemerkte ich, dass sie sich zwingen musste, entschlossen zu wirken – scheinbar war sie über alle Maßen nervös.
„Sehr geehrte Kollegen, sehr geehrtes Komitee. Es sind seit dem Beginn der Konferenz vor zwei Tagen viele verschiedenartige Vorschläge zur Lösung des Problems präsentiert worden. Aber so verschieden die Ansätze auch sein mögen, sie basieren alle auf derselben Sichtweise des Problems. Mein Vorschlag zur Lösung der Krise geht von einem völlig anderen Standpunkt aus.“
Das konnte ja nur interessant werden.
„Sehen sie, wir haben uns so sehr daran gewöhnt, die Dämonen zu bekämpfen, dass wir völlig die Möglichkeit einer friedlichen Lösung aus den Augen verloren haben. Meiner Meinung nach sollte es unser vorrangiges Ziel sein, einen Dialog zwischen den Menschen und diesen Fremden zu etablieren. Meine Damen und Herren, es ist doch offensichtlich, dass wir – selbst wenn wir unsere Verteidigung deutlich verbessern – niemals die Nebeldämonen besiegen werden. Unsere einzige Chance, diesen Konflikt zu überstehen, besteht in der Herbeiführung einer friedlichen Lösung.“
Ich erlebte ganz offensichtlich ein Deja-vu. Damit hatte ich nicht gerechnet. Hier handelte es sich wirklich um einen alternativen Ansatz zur Problemlösung. Allerdings schien niemand davon wirklich angetan zu sein – man brauchte nur in die Gesichter der Zuhörer zu blicken, um zu erkennen, dass eine diplomatische Lösung generell abgelehnt wurde. Was hätte man auch anderes erwarten sollen? Ben hätte der Vortrag jedenfalls gefallen. Senator Hood passte der Vortrag aber ganz offensichtlich überhaupt nicht ins Konzept. Wenn es nicht gegen die Etikette verstoßen hätte, hätte er Jessica vermutlich rausschmeißen lassen.
Was dann folgte, war ihr Versuch, einen wissenschaftlich fundierten Beweis zu führen, dass es einen bestimmten Grund geben musste, dass die Dämonen diesen Krieg begonnen hatten.
„Ich glaube, dass es uns bisher noch nicht möglich war, mit ihnen zu kommunizieren, weil es sich um eine Lebensform handelt, die völlig anders funktioniert als alle uns bekannten Spezies. Bedenken Sie: Wir wissen nichts über ihre Biologie – noch niemand hat einen Dämonen zu Gesicht bekommen – wir wissen nicht, ob wir überhaupt irgend etwas mit ihnen gemeinsam haben. Vielleicht benutzen sie eine Form der Kommunikation, die uns völlig unbekannt ist oder an die wir noch nie gedacht haben. Ich denke, wenn wir uns Mühe geben, werden wir eine Möglichkeit finden, sie zu verstehen.“
Der Applaus war sehr verhalten. Ihr war klar, dass sie verloren hatte. Wenn sie mich fragen, hat sie niemals eine Chance gehabt.
Als ich den Saal verließ, bemerkte ich, wie ich in Gedanken versank – ich weiß nicht wieso, aber in meinen Ohren klang ihre Argumentation irgendwie vernünftig. Für einen kurzen Moment dachte ich: Vielleicht, ja vielleicht gibt es ja wirklich eine Chance eine Verständigung zu erzielen, wenn wir uns nur bemühen. Denn in wenigstens einem Punkt hatte sie Recht gehabt: Dieser Krieg würde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von den Menschen gewonnen werden. Vielleicht hatte ich mir ja selber die ganze Zeit nur etwas vorgemacht. Hatte ich wirklich geglaubt, dass wir mit Neutronenblastern und neuen Schutzschilden die Dämonen besiegen würden ... das alles zögerte doch nur das Unvermeidliche hinaus. Aber dann dachte ich wieder an Ben und was mit ihm passiert war – der Hass überwog und ich schob den Gedanken beiseite – nein, mehr noch: Ich unterdrückte ihn. Aber im Nachhinein denke ich, dass sich damals – genau in diesem Moment – doch etwas in meinem Denken geändert hat. Etwas in mir wurde geweckt – etwas, das schon immer ein Teil von mir gewesen war, aber von meinem blinden Hass stets unterdrückt worden war. Auch wenn es sich für den Moment noch nicht durchzusetzen vermochte, so kann ich dennoch nicht behaupten, dass alles wie vorher gewesen wäre... – die schwarz-weiß karierte Mauer der Ignoranz begann zu bröckeln.
Sie war nicht wirklich am Boden zerstört – sie hatte wohl niemals ernsthaft mit einem Erfolg gerechnet. Dennoch war ihr die Enttäuschung deutlich anzusehen. Ich bemühte mich, sie wieder aufzubauen. Noch am selben Abend sagte ich zu ihr: „Vielleicht hast du ja Recht“. Es war von ganz alleine aus mir heraus gekommen und es war fast wie eine Befreiung gewesen, diesen einen kurzen Satz auszusprechen. Dabei muss ich wohl sehr entschlossen gewirkt haben, denn sie hat mir später einmal gesagt, dass sie an meinem Gesichtsausdruck erkennen konnte, dass ich wirklich ernst meinte, was ich da sagte – wenigstens mich hatte sie also überzeugen können. Das schien ihr wenigstens für einen Moment fast viel mehr wert zu sein... .

Es war mein Zug. Ich hatte mir vorher genau überlegt, was ich dem Publikum sagen würde. Ich war mir der Tatsache bewusst, dass es sich hier um eine Show handelte: Die Frage war, wer am besten und überzeugendsten in der Lage sein würde, seine Idee zu verkaufen. Ich wusste, dass jede Körperbewegung, die ich machte, zumindest unterbewusst von den Zuschauern wahrgenommen wurde und in ihren Gesamteindruck miteinfloß. Deswegen legte ich sehr viel wert darauf, im richtigen Moment den richtigen Ton zu treffen.
„Sie erwarten von mir vielleicht, dass ich Ihnen empfehle, in irgendein Projekt auf dem Gebiet der Nanotechnologie zu investieren ... da irren sie sich. Ich will ihnen mal etwas sagen. Geringfügige technische Verbesserungen oder einige bessere Waffensysteme werden uns nicht effektiv schützen können.“
Ich versuchte sie zu verunsichern – sie zu schockieren – , um sie so in meine Arme zu treiben.
„Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass wir mit unseren begrenzten Ressourcen niemals ein ausrechend hohes technologisches Level erreichen werden, um es mit den Dämonen aufnehmen zu können. Was soll man also überhaupt für Maßnahmen ergreifen, werden Sie sicherlich fragen... .“
Ich legte eine Kunstpause ein, damit wirklich jeder Einzelne von ihnen gebannt die Antwort erwartete, die ich ihnen gleich präsentieren würde.
„Die Antwort auf diese Frage...„ – ich ließ meinen Blick einmal durchs Publikum schweifen – „... die Antwort auf diese Frage, werden wir im INNEREN des Nebels finden!“
Ich hatte ihre Aufmerksamkeit.
„Dieser Nebel ist ganz sicherlich nicht auf natürliche Weise entstanden. Es ist ein Artefakt aus einer anderen Zeit ... ich denke, es ist eine Art ... Biosphäre. Alles was wir über den Nebel wissen, deutet darauf hin, dass er einem bestimmten Zweck dient... . Derjenige, der diesen Nebel erschaffen hat, verfügt über eine Technologie, die der unsrigen weit überlegen ist! Eine Technologie, die außerdem der der Nebeldämonen bei weitem überlegen ist, denn sie sind NICHT die Schöpfer dieses Nebels.“
„Wieso sind sie sich da so sicher?“
Ich hatte gehofft, dass jemand diese Frage stellen würde.
„Weil sie VIEL zu primitiv sind.“
Das schlug ein wie eine Bombe.
„Sehen Sie, die Schöpfer des Nebels vermochten es sogar den Raum nach Belieben zu stimulieren – sie verfügen über echte Schwerkraftkontrolle! Eine Rasse, die über solche technologischen Möglichkeiten verfügt, würde auf anderen Gebieten ebenso große Fortschritte erzielt haben! Es gibt nichts, was wir einer solchen Technologie entgegenzusetzen hätten. Die Dämonen verfügen nicht annähernd über dieses technologische Potential – sie sind – genau wie wir – nichts weiter als Gefangene des Nebels.“
„Aber wie soll das möglich sein? Die Starlane ist damals gleich beim ersten Sprung durch den Nebel implodiert! Niemand sonst kann mit einem Hyperraumantrieb hierher gelangt sein.“
„Ich weiß nicht, wie sie hierher gekommen sind. Das ist ja gerade mein Punkt: Wir wissen beinahe NICHTS über diesen verdammten Nebel. Da MUSS aber noch viel mehr sein – wir haben wahrscheinlich keine Vorstellung davon, was uns in der Tiefe erwartet. Deshalb ist mein Vorschlag eine Expedition zusammenzustellen, die bis zum Zentrum des Nebels vordringen soll, um die Geheimnisse, die diesen Nebel umgeben, zu lüften. Mit diesem besseren Verständnis von der wilden Topologie des Dämonennebels ergeben sich vielleicht völlig neue taktische Optionen. Und außerdem: Es muss noch Technologie von ... von ...“
Mir fiel kein passender Name für die Schöpfer des Nebels ein ... deswegen benutzte ich das erstbeste Wort, das irgendwie zu passen schien... .
„... von diesen Alten hier sein! Es muss im Nebel Artefakte geben – irgendeine Form von Technologie, die viel weiter entwickelt ist als alles, was uns oder den Dämonen zur Verfügung steht! Wenn wir diese Technologie nutzbar machen könnten ... nun, ich denke es würde uns den entscheidenden Vorteil verschaffen.“
Es herrschte nachdenkliche Stille. Schließlich fügte ich noch etwas hinzu, was ich vor einigen Tagen wahrscheinlich noch nicht gesagt hätte.
„Und vielleicht ... ergibt sich auf dieser Expedition ja auch eine Möglichkeit, mit den Dämonen direkt in Kontakt zu treten, um den Konflikt friedlich beizulegen.“
Zu meinem Erstaunen gab es niemanden, der auf diese Bemerkung abwertend reagierte.
„Alles worum ich Sie bitte ist ein Schiff – ein gut ausgerüstetes Schiff mit einer guten Crew, die es auf diese Weise bis zum Zentrum schaffen kann – 500 AE in der Tiefe. Ich denke, dass dort einige Antworten auf uns warten... .“

Jessica war von meinem Vortrag genauso überrascht gewesen wie ich von ihrem.
„Ich beneide dich, weißt du... .“
„Was meinst du?“
„Sie werden deinem Vorschlag mit Sicherheit zustimmen. Ich konnte das Leuchten in ihren Augen sehen. Du wirst zu einer unglaublichen Reise aufbrechen, Lucy. Aber ich gönne es dir.“
Wenn ein wichtiges Ereignis bevorsteht, werde ich immer übermäßig nervös. Ich glaube, als die Beschlüsse des Komitees veröffentlicht wurden, wäre ich beinahe an einem Adrenalinschock gestorben. Wissen Sie, irgendwie hatte ich mich niemals mit der Möglichkeit auseinandergesetzt, wirklich bis zum Mittelpunkt der Anomalie vorzustoßen. Es hatte so etwas Unwirkliches, Märchenhaftes an sich. Genauso unwirklich erschien es mir dann, als man mir mitteilte, dass man bereit war, die Expedition zu finanzieren. Es dauerte eine Weile, bis ich das verdaut hatte. Ich hatte es geschafft! An jenem Tag war ich überglücklich und ich schwor mir, diese Chance gut zu nutzen, um die Dinge zum Besseren zu verändern... .
„Ich gratuliere ihnen Mr. da Varga!“
Es war ein komisches Gefühl, Hood die Hand zu schütteln.
„Sie werden überrascht sein. Sie bekommen die Gelegenheit, sich ihr eigenes Schiff zusammenzustellen.“
„Mein eigenes Schiff?“
„Ja. Keines unserer Schiffe ist für so eine Mission ausgelegt. Sie müssen sich da schon etwas ganz Neues ausdenken.“
„Wer wird das Schiff entwickeln?“
„Das wollten wir ihnen und ihrem Chefingenieur überlassen.“
„Und wer soll das sein?“
„Es hat sich gleich jemand freiwillig für diesen Job gemeldet und wir denken, dass er durchaus qualifiziert ist.“
„Spannen sie mich nicht auf die Folter. Wer ist es?“
„Jim Keen.“
In diesem Moment musste ich heftig loslachen. Wie hätte es auch anders sein sollen? Natürlich würde Jim mir das Schiff zusammenbauen – mit Sicherheit hatte er bereits ein umfangreiches Tuning – Programm eingeplant. Hoffentlich würde er sich daran erinnern, dass Hyperraumsprungmotoren im Nebel nicht funktionierten ... verdammt, ich freute mich einfach riesig, dass man ihm den Job überlassen hatte. Ich fühlte mich in sicheren Händen.
„Wir beabsichtigen ihr Schiff mit einer umfangreichen Palette an Waffensystemen auszustatten. Daher werde ich zu ihrer Unterstützung einen Marine auf ihr Schiff abkommandieren. Ich habe Commander William O’Connell dafür vorgesehen – er ist ein ausgezeichneter Offizier, der ein besonderes Gespür für Gefahrensituationen besitzt. Er wird ihnen sicherlich hilfreich sein.“
„Das ist meine komplette Crew – Jim und Mr. O’Connell?“
„Ja. Es gibt keinen Grund sie mit mehr Personal auszustatten... .“
Da hatte er sogar Recht. Mehr Personal hätte nur ein komplizierteres Lebenserhaltungssystem und mehr Wohn- und Lebensraum erfordert – und das bedeutete wiederum mehr Kosten für ein noch größeres Schiff, das daraufhin mit stärkeren Antrieben hätte ausgestattet werden müssen, die niemand hätte bezahlen können ... mal ganz davon abgesehen, dass es dann eine viel schönere Zielscheibe abgab. Nein, es war besser so.
Aber irgendetwas fehlte noch... . Hm...

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