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#moo3planet

Die Nebelmaschine (Seite 3)

Man hatte mir ein ausgesprochen komfortables Zimmer zugeteilt. Besonders der große Wohnraum war für mich eine willkommene Abwechslung – Sie müssen wissen, dass ich in meinem Sliper nur über einen sehr begrenzten Lebensraum verfüge. Der Großteil des Innenraums wird von den verschiedenen Geräten des Schiffs eingenommen. Ich hatte aber überhaupt keine Zeit, den ganzen Luxus zu genießen: Hood hatte für diesen Abend den Empfang aller Projektteilnehmer eingeplant. Ich durchsuchte meine Sachen verzweifelt nach irgendetwas was mir für ein solches Meeting als angemessen erschien. Natürlich fand ich nichts, aber versuchen konnte ich es ja wenigstens.
Der Empfang fand in einem eigens für diese Zwecke eingerichteten Saal statt, der sich in einem Komplex an der Oberfläche des Asteroiden befand. Der Empfangssaal war kreisförmig und in die Außenwand waren eine Reihe von riesigen Panoramafenstern eingelassen. Ich fragte mich, ob Hood diesen Raum aus einem ganz bestimmten Grund ausgewählt hatte, denn schließlich wurde der Raum gänzlich von dem blaugrünen Schimmer des Nebels erfüllt, was eine schaurige und gleichzeitig beeindruckende Atmosphäre ermöglichte. Allerdings wurde dieses Lichtschauspiel von zahlreichen Laserlichtlampen unterbrochen, die an der Decke angebracht waren und ein reines weißes Licht ausstrahlten – ein Licht, ähnlich wie an einem Hochsommertag auf der Erde – denke ich zumindest. Am anderen Ende des Raums befand sich genau dem Eingang gegenüber ein Rednerpult, zu dessen Seiten Holoprojektoren aufgebaut waren – diese dienten ganz offensichtlich dazu, je nach Bedarf hinter das Pult eine Bildwand zu projizieren. Vor dem Pult befanden sich einige Sitzreihen, die tiefer in den Boden eingelassen waren und auf der dem Rednerpult abgewandten Seite von einer transparenten Wand umgeben waren, die nur von einigen Titanmasten durchzogen wurde - damit waren die Sitzplätze vollständig vom Rest des Saals, der als Empfangsraum diente, abgekapselt.
Als ich den Saal betrat, war ich zunächst überrascht, auf solche Menschenmassen zu treffen. Meines Wissens nahmen am eigentlichen Projekt nur eine handvoll Wissenschaftler aus verschiedenen Arbeitsgebieten teil. Folglich musste es sich bei den meisten Anwesenden um irgendwelche hohen Tiere handeln, die das Projekt in erster Linie als karrierefördernde Maßnahme betrachteten – ob Hood das Projekt aus dem gleichen Grund unterstützt hatte, lag für mich aber noch vollständig im Dunkeln – ich hoffte jedenfalls, dass er ein Echtes Interesse an Phalanx hatte. Ich ignorierte die Leute aber vollständig und machte mich natürlich erst mal über das Buffet her. Ich liebe nämlich Krabbencocktails! Wissen Sie, sie kommen wirklich nirgendwo in diesem Nebel an Krabbencocktails heran – außer auf solchen Empfangspartys. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn schließlich gibt es im Dämonennebel nur wenige echte Lebensmittel – eben nur das, was den Crash der Spes Humanica überstanden hat. Und die entsprechenden Pflanzen und Tiere zu züchten kostet dank den aufwendigen Lebenserhaltungssystemen ein Vermögen! Es gibt alleine schon deswegen keinen Markt für solche Luxusgüter, weil niemand in der Lage wäre, die Waren zu bezahlen. Eine Tasse Kaffee kostet Sie ein ganzes Monatsgehalt.
Nachdem ich fündig geworden war, ungeduldig den ersten Cocktail heruntergeschlungen hatte und mich gleich auf den nächsten stürzen wollte, hörte ich plötzlich eine Stimme an meiner Seite.
„Na, sie sind wohl auch nur wegen dem Essen hier... .“
Die Stimme gehörte einer kleinen schlanken Frau Ende 20, die sich anscheinend köstlich über meinen Raubzug amüsierte. Sie hatte ihr langes schwarzes Haar nach hinten geworfen und lächelte mich nett an, während sie ihre Hände in ihre Taille stemmte, als ob sie eine gute Erklärung erwartete.
„So weit würde ich nicht gehen, aber ich denke, es hat sich alleine schon wegen dem Essen gelohnt.“
„Ich mache Ihnen da keinen Vorwurf, wissen Sie. In diesen Zeiten würde wohl jeder von uns seine Ideale verraten nur um ... äh ... an einen Krabbencocktail heranzukommen!“
„Sie mögen Krabbencocktails?“
Mein Interesse war geweckt.
„Ich hab’ ehrlich gesagt noch nie einen probiert.“
Sie können sich sicherlich vorstellen wie schockiert ich war. Das Erste – das Allererste – was ich überhaupt getan hatte, als ich zum ersten Mal zu einem solchen Meeting eingeladen worden war, war das Examinieren des kompletten Lebensmittelangebotes! Ich möchte an dieser Stelle einmal klarstellen, dass entgegen den Gerüchten meine Figur nicht darunter gelitten hat! Auf jeden Fall sorgte ich dafür, dass sie einen Cocktail probierte, der ihr zu meiner Verwunderung aber überhaupt nicht schmeckte.
„Mein Name ist Lucius da Varga – und ich bin nicht ausschließlich wegen dem Essen hier.“
„Jessica Schuhmann. Schön Sie kennenzulernen Lucius.“
Wir unterhielten uns über dieses und jenes. Schließlich kam sie wieder auf Phalanx zu sprechen.
„Ich bin wegen meiner Kenntnisse in Xenobiologie eingeladen worden. Weswegen sind Sie hier?“
„Physik. Ich habe eine Menge mit Nanotechnologie zu tun – Sie wissen schon: Neue auf Naniten basierende Bergbau – Technologien.“
„Ich denke schon – Mikroleichtbau, richtig?“
„Ja, so etwas Ähnliches. Darf ich erfahren, was Sie dem Komitee für einen Vorschlag machen werden?“
„Lassen Sie sich überraschen.“
Ich erinnere mich daran, dass sich ihr Gesicht zu einer ernsten Miene verzog. Vielleicht wollte sie nicht, dass ich gleich jetzt erfahren würde, was ihrer Meinung nach getan werden musste, um die Dämonen aufzuhalten. Für einen Moment herrschte Stille, aber dann fasste sie einen neuen Gedanken.
„Sagen Sie, wie stehen Sie zu ... diesen Wesen.“
Es fiel ihr ganz offensichtlich schwer das Wort Nebeldämonen in den Mund zu nehmen – aus welchem Grund auch immer.
„Was wollen Sie jetzt von mir hören? Sie versuchen immerhin uns zu töten. Und ich habe selber jemanden an sie verloren, der mir sehr nahe stand.“
„Das haben wir alle.“
„Ja. Aber wissen Sie, er hat sich sein ganzes Leben lang um mich gekümmert – er hat mir beinahe alles beigebracht, was ich weiß. Seine Faszination für extraterrestrische Intelligenzen blendete ihn und ließ ihn die Gefahr vergessen... . Und so ist er ihnen eines Tages zum Opfer gefallen.“
Sie wartete einen kurzen Moment, damit ich die Zeit hatte, die ich brauchte, um mich wieder zu sammeln.
„Ich würde gerne mehr darüber erfahren, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“
Ich erzählte ihr die ganze Geschichte. Das Thema Nebeldämonen war zwischen Ben und mir immer wieder ein Streitthema gewesen. Er sah in ihnen niemals Killer. Es zählte nicht, dass sie die Menschen abschlachteten – ich denke, für ihn waren sie trotz ihrer Feindseligkeit so eine Art ganz persönlicher heiliger Gral. Und er glaubte fest daran, dass es einen bestimmten Grund gab, warum die Dämonen so aggressiv auf die Menschen reagiert hatten.
„Keine Spezies ist von Natur aus böse, Lucius. Sie verfolgen nur ihre eigenen Interessen. Und die müssen noch nicht einmal egoistisch sein – ich kann einfach nicht glauben, dass sie nur des Tötens willen töten.“
Ich konnte mich jedenfalls niemals seiner Meinung anschließen. Ich sah nicht, wie es mit ihnen zu einer friedlichen Lösung kommen sollte. Sie haben auf keinen unserer Kommunikationsversuche eine Reaktion gezeigt. Alles was ich sehen konnte, war, dass die Menschen kämpften und starben. So ungern ich das auch zugebe ... aber ich denke, ich hasste sie aus tiefstem Herzen. Nur komisch, dass ich irgendwie schon immer das Gefühl gehabt hatte, mit dieser Einstellung im Unrecht zu sein.
Schließlich ging ich meine eigenen Wege und wir kamen nur noch gelegentlich dazu, uns zu treffen. Aber eines Tages ... ich erinnere mich noch genau, es war damals schon fast zwei Jahre her ... traf eine Nachricht von Ben bei mir ein, während ich mich auf Tachyon – einer unserer Siedlungen im Deep Lair - befand. Er war zu diesem Zeitpunkt schon längst aufgebrochen und ich war nicht mehr in der Lage gewesen, ihn noch aufzuhalten. In seiner Botschaft teilte er mir mit, dass er glaube, einen Weg gefunden zu haben, mit den Nebeldämonen in Kontakt treten zu können und das er jetzt wisse, was genau sie eigentlich sind. Was er damit meinte, weiß ich bis heute nicht, aber ihm muss klar gewesen sein, dass ich versuchen würde, ihn zu stoppen. Verdammt, ich habe sein Schiff wochenlang gesucht! Ich hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, als alle Rettungstrupps schon lange die Suche eingestellt hatten - ich habe mich mehr der Gefahr ausgesetzt als irgendwer sonst und bin mehr Dämonenschiffen begegnet als eigentlich gut für mich gewesen wäre – aber ich habe nichts gefunden, kein Lebenszeichen von ihm. Seitdem ist er verschollen. Es ist unmöglich, dass er überlebt hat. Ihm wären spätestens nach drei Wochen die Vorräte ausgegangen. Viel wahrscheinlicher ist aber, dass er vorher auf die Nebeldämonen getroffen ist, die daraufhin sein Schiff in Stücke geschossen haben. Die Kontaktaufnahme ist ihm ganz offensichtlich nicht geglückt. Er wollte wohl einfach nicht wahrhaben, dass Dämonen für Menschen kein offenes Ohr haben.
„Das tut mir sehr leid.“
„Ja, mir auch. Ich hasse sie dafür, verstehen Sie? Aber mehr noch als den Dämonen gebe ich mir selber die Schuld an seinem Tod. Wenn ich doch nur mehr Zeit mit ihm verbracht hätte – ich bin sicher, ich hätte rechtzeitig von seinen Plänen erfahren.“
„Ich hätte ihn gerne kennen gelernt.“
Als sie das sagte, schien sie in Gedanken zu versinken. Ich bemerkte, dass sie für einen Moment gedanklich abschweifte – dass sie sich vorstellte, einmal Ben Gué zu treffen ... oder vielleicht überlegte sie einfach nur angestrengt, was er wohl mit seiner letzten Botschaft hatte sagen wollen.
Ich versuchte von diesem ernsten Thema wieder wegzukommen, weil es mir auch selber unangenehm war.
„Ich sehe schon, Sie sind ein kluges Mädchen.“
Sie erwiderte mein Lächeln und schon hatten wir im Geheimen die Vereinbarung getroffen, über solche ernsten Dinge nicht mehr zu reden – wenigstens nicht an diesem Abend.
Wir beide hatten keine Probleme uns gut über Belanglosigkeiten zu unterhalten. Ich mochte sie und ich glaube sie mich auch. Sie stellte mich noch eins zwei Leuten vor bevor Hood auf der Bildfläche erschien.

„Meine sehr geehrten Damen und Herren ... ich möchte Ihnen allen sagen wie froh ich bin, dass wir Sie für Phalanx gewinnen konnten und Sie heute Abend hier begrüßen dürfen.“
Der Senator machte eine gute Figur, als er dort hinter dem gut ausgeleuchteten Rednerpult stand und seine Worte beinahe mit Gewalt den Zuhörern entgegenwarf. Jessica hatte mir gesagt, dass er vor seiner politischen Karriere ein hochdekorierter Admiral gewesen war – bei dieser Bemerkung hatte sie mit einem schadenfrohen Lächeln angefügt, dass sie sich schon sehr auf seine Begrüßungsrede freue. Jetzt weiß ich, warum sie sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Leute, der Mann war eine Attraktion! Ich hatte eher das Gefühl mir ein Missionsbriefing anzuhören. Jessica war nicht die Einzige, die bei diesem Anblick schmunzeln musste. Aber ich war kein bisschen amüsiert, denn ich bemerkte, was Jessica zunächst entging: Der Mann meinte es todernst.
„Die ... Nebeldämonen ... sind nichts weiter als gemeine Killer! Wir müssen jede nur erdenkliche Maßnahme ergreifen, um sie zu vernichten! Es ist unsere heilige Pflicht, die Menschen vor der Ausrottung zu bewahren! Die überlegene Intelligenz der menschlichen Rasse wird sich gegen diese Armeen der Finsternis behaupten müssen!“
Ich beobachtete Jessica und bemerkte, wie sie bei diesen Worten zusammenzuckte. Ihr Lachen war ihr schon lange vergangen. Im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, ob ich selber hinter dem Schwachsinn stand, den Hood da von sich gab. Ich glaube, dass ich zumindest bereit war, zu töten, um mein Volk vor weiterem Schaden zu bewahren. Aber ehrlich gesagt war mir die Meinung irgendeines Politikers – auch wenn er über so viel Einfluss verfügte wie Hood – nicht besonders wichtig. Ich wusste, dass er uns nur ausnutzte, um seine eigene Position zu verbessern. Was für mich zählte, war, dass er das Geld locker machte, dass wir brauchten, um endlich Maßnahmen zu ergreifen, die auf lange Sicht positive Wirkung zeigen würden – solche Maßnahmen, für die in den Köpfen von Militärs und Politikern, die der nächsten Wahlperiode entgegenfiebern, normalerweise kein Platz ist.
„Und deshalb haben wir Sie hierher gebeten – damit wir zusammen mit Ihnen das Projekt Phalanx gestalten können. Es gilt, eine neue Verteidigungslinie gegen die Dämonen aufzubauen! Jeder von Ihnen ist auf seinem Gebiet ein renommierter Wissenschaftler und verfügt zweifellos über ein hervorragendes Fachwissen. Wir haben Sie gebeten, auf dieser Basis einen Projektvorschlag auszuarbeiten, der Maßnahmen und neue technologische Entwicklungen beinhalten soll, von denen Sie erwarten, dass sie uns einen wirkungsvolleren Widerstand gegen den Feind ermöglichen werden. Jeder Einzelne von Ihnen wird die Chance bekommen, seinen Vorschlag detailliert vorzustellen. Sollten wir der Auffassung sein, dass Ihre Idee erfolgversprechend und vor allem auch finanzierbar ist, werden Sie als Projektleiter selber die Gelegenheit bekommen, Ihren Plan in die Tat umzusetzen!“
Hood bekam einen angemessenen Applaus. Dann war die Show vorbei. Jessica hatte der Vortrag die gute Laune verdorben. Schließlich hatten wir nichts Neues erfahren, waren aber in den Genuss von Senator Hoods liebenswürdigen Esprit gekommen. Nein, im Ernst: Die Sache war mir nicht geheuer. Hood hatte etwas an sich, das mir Angst machte... . Trotzdem war ich hochmotiviert in einigen Tagen – wenn die Konferenz beginnen würde – meinen eigenen Vorschlag zu präsentieren – und ich war gespannt, was Jessica für das Komitee bereithielt.
Ich verabschiedete mich von einigen anderen Projektteilnehmern, bevor ich Jessica eine gute Nacht wünschte und mich anschließend auf mein Zimmer zurückzog – ich hatte den Schlaf wirklich bitter nötig.
In den nächsten zwei Tagen verbrachte ich eine Menge Zeit mit Jessica. Sehr zu meinem Ärger hatte sie sich angewöhnt, mich Lucy zu nennen und ich sah nichts, was sie davon hätte abhalten können. Daher beschloss ich, ihre Provokation einfach zu ignorieren. Ich hatte seit langem nicht mehr so viel Spaß gehabt und ich glaube, das zählte auch für sie. Manchmal verloren wir uns aber auch in einer fachlichen Diskussion. Sie schien mir eine hervorragende Wissenschaftlerin zu sein – das war der Teil, der mich weniger überraschte – dagegen konnte ich mir zunächst nicht erklären, warum sie mich manchmal an Ben erinnerte.
Neben Jessica lernte ich auch noch Jim Keen kennen. Er war ein absoluter Spezialist auf dem Gebiet der Raumfahrttechnologie. Ich wette, er hätte mir ein Raumschiff ganz alleine auseinander- und wieder zusammenbauen können. Und er war ein Bastler – ich will nicht wissen, was er mit den Magnetfeldprojektoren meines Slipers angestellt hätte, wenn ich auf sein Angebot eingegangen wäre, doch mal meine Projektoren von ihm “ein bisschen tunen“ zu lassen. Ich wette er hätte einen Hyperraumantrieb draus gemacht – nur das die hier völlig nutzlos waren, aber er gehörte eben nicht zu den Denkern, die über so etwas wie praktische Intelligenz verfügen. Er war ein richtig verspielter Typ und das machte ihn irgendwie sympathisch... .

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