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#moo3planet

Die Nebelmaschine (Seite 2)

Die Spes Humanica war eines der ersten Kolonieschiffe mit Hyperraumantrieb gewesen. Über zwei Jahrhunderte lang waren die Menschen mit Hilfe von Bussard – Ramjets bei Unterlichtgeschwindigkeit durch den Raum gekrochen. Am Ende der Ära der Unterlichtraumfahrt hatte die Reise nach Rigel Kent – Alpha Centauri – immer noch 30 Jahre gedauert. Ich bewundere die Tapferkeit dieser Pioniere. Würden sie sich für Jahrzehnte einfrieren lassen und einem ungewissen Schicksal mit 15% Lichtgeschwindigkeit entgegeneilen? Ich bin nicht sicher, ob ich dazu mutig genug wäre – ob ich das überhaupt wollte. Man muss sich wohl der Sache ganz hingeben und bereit sein, ein völlig neues Leben anzufangen.
Aber mit dem Zugang zum Hyperraum hatte sich alles für die Zivilisation geändert. Auf einmal lag der Menschheit das Sternenmeer zu Füßen. Die ersten Sprünge in nahegelegene Sonnensysteme führten zu Entdeckungen, die viele der Fragen, die sich die Menschen schon immer gestellt hatten, endlich beantworteten. Heute kennen wir bereits 17 erdähnliche extrasolare Planeten! Das Leben sprießt überall und wie man bald herausfand, hat es mancherorts auch intelligente Formen angenommen. Fremdartige Formen. Auf die erste intelligente Rasse stieß man im Sirius – System. Eine humanoide Spezies, die zumindest grob dem Menschen ähnelte. Man entdeckte die Feritee - wie sie sich selber nannten – erst, als man ihre Heimatwelt sondiert hatte und die ersten Oberflächenaufnahmen ausgewertet worden waren. Die terranische Zivilisation war der der Feritee technologisch mindestens um 3000 Jahre voraus – kein Radiofeld, das man hätte entdecken können und natürlich auch keine Anzeichen von Raumfahrttechnologie.
Nach dieser Entdeckung ging man zunächst davon aus, dass intelligentes Leben wohl meistens – wenn nicht sogar immer - in humanoider Form vorliegen müsse. Wie sehr man sich doch geirrt hatte! Dieses Theorem zerplatze wie eine Seifenblase, als man auf die Adrieh stieß – stellen sie sich das mal vor: Denkende Pflanzen! Das Universum ist immer wieder für eine Überraschung gut! Aber auch die Adrieh waren technologisch nicht sehr weit fortgeschritten und langsam stellte man sich die Frage, ob es wohl möglich sein mochte, dass die Menschen die am weitesten entwickelte Rasse der Galaxie seien. Ich, der zu den unglücklichen Seelen gehört, die im Dämonennebel gefangen sind, weiß, wie falsch dieses Weltbild gewesen ist. Wieso sind Menschen bloß so entsetzlich dumm? Kann mir das mal jemand erklären? Warum machen die Menschen jeder Zeit den Fehler, sich darauf festzulegen, dass alles, was sie über das Universum zu wissen glauben auch wirklich den Tatsachen entsprechen muss? Können Sie sich das vorstellen? Noch im 21ten Jahrhundert hielt man Überlichtgeschwindigkeit für unmöglich. Wenn ich mich nicht über die Ignoranz der Menschen so furchtbar aufregen müsste, würde ich vermutlich lachen. Genau das habe ich auch Ben gesagt! Und er lachte über mich. Ich habe nie verstanden warum.
Ben war wie ein Vater für mich. Fast alles, was ich weiß, habe ich von ihm gelernt. Er war einer der wenigen noch lebenden Menschen gewesen, der zu den Kolonisten der Spes Humanica gezählt hatte. Ben war auch einer der wenigen, die die Erde gesehen hatten. Er erzählte mir oft von Terra. Unserer Heimat.
„Hey Ben.“
„Was ist?“
„Wieso nennt man diese Dinger eigentlich Sliper?“
„Sag bloß du weißt das nicht.“
„...nein, deswegen frage ich doch.“
„Junge, weil du mit deinem Sliper den Korridor entlangrutscht - wie beim Schlittschuhlaufen.“
„Schlittschuhlaufen?“
„Ach, Verdammt. Frag’ mich jetzt nicht, was Schlittschuhlaufen ist, du würdest das sowieso nicht verstehen.“
„Was ist Schlittschuhlaufen?“
Er hat versucht es mir zu erklären, aber ich habe es nicht verstanden. Auf jeden Fall erstaunte mich damals die Vorstellung, dass es so etwas wie natürliche freie Wasserflächen geben könnte. Die Erde muss ein seltsamer, aber wunderschöner Ort sein! Ich kann mir nicht erklären, wie man einen solchen Ort verlassen kann. Obwohl – bei Ben kann ich es mir vorstellen. Er war schon immer mit ganzem Herzen Astrobiologe und Physiker gewesen. Für ihn war Schlittschuhlaufen nicht wirklich wichtig gewesen und deswegen hatte er auch kein Problem damit, die Erde zu verlassen. Er war einer dieser wenigen glücklichen Menschen, die etwas gefunden hatten, wofür sie sich leidenschaftlich aufopfern konnten. Und das, was Ben vorantrieb, war ganz klar die Suche nach neuen intelligenten Spezies. Nichts faszinierte ihn mehr als extraterrestrische Intelligenzen – er war ausgesprochen xenophil. Er wäre ohne Zweifel einer der führenden Wissenschaftler in der Fairy Land – Kolonie gewesen. Leider hatte die Geschichte kein gutes Ende genommen... .
Lassen sie mich Ihnen ein paar Grundlagen der Hyperraumantriebstechnologie näher erklären. Sie fragen sich bestimmt, wie es gelingen kann, die Distanzen zwischen den Sternen mit einem solchen Antrieb in so winzigen Splittern der Zeit zu überwinden. Nun, es ist im Grunde genommen ein ganz simples Prinzip: Man fliegt einfach eine Abkürzung. Sie müssen wissen, der Raum, so wie wir ihn kennen, ist nur ein Teil des Raumkontinuums. Neben drei Raum- und einer Zeitdimension, die man allgemein als den Normalraum bezeichnet, existieren noch weitere – höhere Raumdimensionen – sechs an der Zahl. Diese sechs Dimensionen sind vom Normalraum getrennt und existieren sozusagen parallel wie ein separates Kontinuum. Wir nennen sie den Hyperraum. „Was interessieren uns diese zusätzlichen Dimensionen?“ werden sie sich jetzt sicher fragen. Dass ist gar nicht so einfach zu erklären – sagen wir einfach, dass der Normalraum so wie wir ihn kennen, innerhalb dieses Hyperraums aufgefaltet und gekrümmt ist. Man muss nicht verstehen, was genau das bedeutet – es reicht, wenn man die Konsequenzen begreift. Tatsache ist nämlich, dass im Hyperraum auf Grund dieser Auffaltung kürzere Wege zu weit entfernten Punkten des Universums existieren. Sie erkennen wahrscheinlich bereits, dass man wissen muss, wie der Raum aufgefaltet ist, damit man überhaupt diese Abkürzungen nutzen kann. Vor diesem Problem standen auch die terranischen Physiker, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten, ein sprungfähiges Schiff zu entwickeln. Zum Glück ergab sich aber eine Möglichkeit, Sonnensysteme direkt anzusteuern: Wie man herausfand, neigen die solaren Fokuspunkte benachbarter Sonnensysteme dazu, im Hyperraum zueinander zu konvergieren... – mit anderen Worten: Es gibt im Hyperraum zwischen nahegelegenen Sonnensystemen unter Umständen direkte Verbindungsstrecken. Wir wissen nicht, warum das so ist. Es interessierte auch niemanden. Hauptsache war, dass man einen Weg gefunden hatte, entfernte Sonnensysteme zu erreichen. Schnell wurde für diese Verbindungsstrecken der Begriff Starlane geprägt.
Einer solchen Starlane folgte auch die Spes Humanica. Es war ihr 13ter Sprung auf der Gesamtflugstrecke. Dieser Sprung zu einem Sonnensystem, das bereits weit außerhalb des den Menschen bekannten Weltraums lag, sollte ein unverhofftes Ende nehmen. Irgendetwas störte während des Sprungs die Hyperraumschaltmotoren – die Humanica wurde förmlich in den Normalraum zurückgerissen. Es war der Dämonennebel, der gierig mit seinen anomalen Schwerefeldern in den Hyperraum hineingriff, um das Schicksal von über 300 Menschen und ihren zukünftigen Nachkommen für immer zu besiegeln. Die Gravitationsanomalien, die die Struktur des Nebels erschaffen, scheinen auch den solaren Fokuspunkt maßgeblich beeinflusst zu haben. Am Rand des Nebels kehrte die Humanica in den Normalraum zurück. Zu diesem Zeitpunkt hätte die Crew bereits nichts mehr tun können, um den Fängen des Nebels zu entkommen. Am Rande des Dämonennebels existieren enorm starke Gravitationssenken, die Materie ins Innere schleudern – wir vermuten, sie dienen dazu, ständig neuen Wasserstoff in die Kanäle strömen zu lassen. Über diesen Gravitationssog wurde die Humanica ins Innere des Nebels katapultiert – und dort sollte sie gefangen bleiben – bis in alle Ewigkeit.
Die Starlane ist bei diesem Manöver kollabiert – es ist nicht zu erwarten, dass jemals jemand kommen wird, um uns aus unserem Gefängnis zu befreien. Da waren die Kolonisten nun – abgeschnitten von der Zivilisation und ganz allein auf sich gestellt. Ein Entkommen war unmöglich: Die Gravitationssenke am Rande des Nebels war zu stark, um von Menschen überwunden zu werden... .

Mein Schiff passierte die letzte Kreuzung auf dem Weg nach Iron Heart. Wie sehr ich auch den Nebel hasse – ich bewundere die Architektur, die seiner Struktur zugrunde liegt. Und diese Struktur war ganz offensichtlich nicht natürlichen Ursprunges... . Bei diesem Gedanken lief mir jedes mal ein kalter Schauer den Rücken herunter. All dies wurde von einer mysteriösen Technologie erschaffen... - einer Technologie, die der der Menschen bei weitem überlegen war. Einer Technologie, die auf echter Schwerkraftkontrolle beruhte! Davon konnten die Menschen bisweilen nur träumen! Wer war wohl der Architekt dieser Hölle gewesen? Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als mein Sliper das Abstandssignal Iron Hearts empfing. Ich leitete die Anflugprozedur ein. In weniger als einer Stunde würde ich bereits den sicheren Hafen erreichen.

Iron Heart in seiner heutigen Form ist ein Meisterstück menschlicher Technologie und Ingenieurskunst! Genau durch die Achse des Asteroiden – von einem Ende zum anderen - verlief das Raumdock. Stellen Sie sich vor, man würde durch die Achse und dann natürlich durch den Mittelpunkt des Boliden einen großen und breiten Zylinder stoßen – dieser Hohlraum, der immerhin einen Durchmesser von über vier Kilometern aufwies, wurde so ausgenutzt, dass gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden konnten: Die Innenwand dieser zylinderförmigen Aushöhlung überzog man mit einem Supraleitermantel, der ein Magnetfeld erzeugte. Die Pole dieses Magnetfeldes bewegten sich stets in kreisförmiger Bahn um den Mittelpunkt des Zylinders. Nun baute man in diesen Zylinderhohlraum einen Hohlzylinder hinein, der nur über einen geringfügig kleineren Radius verfügte. Dieser Zylinder wiederum war vom Prinzip her ein starker Permanentmagnet, der durch Korrekturtriebwerke an seiner Position gehalten wurde. Durch die Wechselwirkung der Magnetfelder des Supraleitermantels, dessen Pole ständig im Kreis wanderten, und des Permanentmagneten sowie durch die Stabilisierung durch die Korrekturtriebwerke wurde der Asteroid automatisch in Rotation versetzt. Das Ergebnis war eine Zentripetalbeschleunigung von 6,57 m/s2 an der Oberfläche des Asteroiden – immerhin zwei Drittel der Erdschwerkraft. Dank dieser Beschleunigung konnten die Bewohner Iron Hearts auf dem Boden laufen anstatt unkoordiniert durch die Luft zu fliegen... – natürlich waren die Hochsprungwettbewerbe, die jährlich auf Iron Heart ausgetragen wurden, legendär... . Mit dieser Technik wurde aber auch noch das Raumdock in die Struktur des Asteroiden integriert. Denn der Hohlraum im inneren Zylinder wurde zu keinem anderen Zweck ausgenutzt: Dort schwebten frei im Raum zahlreiche Docking – Anlagen, die den verschiedensten Zwecken dienten. Der innere Zylinder war an einem Ende geöffnet, was den ankommenden Schiffen den Flug ins Innere des Asteroiden ermöglichte. Das andere Ende war geschlossen und ging direkt in den 15 Kilometer langen Titanarm über, der Iron Heart mit der Fusionsanlage verband. Die Korrekturtriebwerke, die die innere Struktur gegenüber dem Rest des Asteroiden im Raum fixierten, waren entlang dieser 15 Kilometer in regelmäßigen Abständen angebracht worden. Den Treibstoff bezogen sie direkt aus der Fusionsanlage: Durch den 15 Kilometer langen Titanarm liefen neben den Supraleiterkabeln, die die ungeheuren Energiemengen transportierten, Heliumgas – Versorgungsschleuche, die das Gas, das beim Fusionsprozess als Abfallprodukt entsteht, direkt zu den Triebwerken weiterleiteten. Eine geniale Konstruktion! Raten sie mal, wer einer der Konstrukteure gewesen ist... .
Als ich in die Reichweite Iron Hearts kam, übernahm mein Autopilot die Kontrolle und führte eine sichere Andockprozedur aus. Das Arrival Dock 5 war nur eine Zwischenstation. Von hier starteten regelmäßig Shuttles – kleine Personentransporter, die mit ihren schwachen Ionentriebwerken nur für Kurzstreckenflüge bei niedriger Geschwindigkeit ausgelegt waren. Es war nicht das erste Mal, dass ich Iron Heart besuchte, weswegen die ganze Prozedur für mich Routine war.
Deshalb war ich auch vollkommen irritiert, als ich nach Verlassen meiner Luftschleuse freundlich von einer Frau in Empfang genommen wurde, die sich alle Mühe gab, mich total vollzugrinsen.
„Mr. da Varga! Ich freue mich sie im Namen von Senator Hood auf Iron Heart begrüßen zu können!“
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe nichts gegen Freundlichkeit! Aber wenn sie ganz offensichtlich überzogen ist, habe ich das Gefühl nicht ernst genommen zu werden.
„Ich danke Ihnen. Und sie sind?“
„Mrs. Jones – seine Assistentin. Der Senator hat mich beauftragt, sie zum Habitatkomplex zu begleiten.“
Dem Senator war es zu verdanken, dass das Projekt Phalanx Realität werden würde – er war derjenige, der die Finanzierung des Projektes politisch durchgesetzt hatte. Er zählte zu den wenigen, die überhaupt genug Einfluss im Führerkreis besaßen, um einen solchen Beschluss durchzusetzen. Hood schien mir der Typ Politiker zu sein, den es wenig interessiert, wie genau etwas gemacht wird – es zählt nur, dass man Sachverständige zur Hand hat, die sogar dafür bezahlen würden, um an einem solchen Projekt mitarbeiten zu dürfen. Wenn es um das Projekt Phalanx ging, gehörte ich mit Sicherheit zu diesen armen Trotteln dazu. Glücklicherweise hatte man mir eine großzügige Bezahlung angeboten, bevor ich auf die Knie fallen konnte.
Das Shuttle startete vom Dock, flog aus dem Raumdock heraus und wendete, um die Oberfläche des rotierenden Asteroiden anzusteuern.
Ich war von Anfang an vom Projekt Phalanx fest überzeugt gewesen! Es versprach, dass sich vielleicht endlich etwas an der misslichen Lage der Menschen ändern würde. Schon seit fast 50 Jahren versuchten wir uns vergeblich gegen die Nebeldämonen zur Wehr zu setzen. Diese außerirdische Intelligenz, die aus dem Inneren des Nebels in unsere Siedlungsgebiete vorgestoßen war, war uns einfach technologisch weit überlegen. Beinahe jedes Gefecht und Kräftemessen konnten die Dämonen für sich entscheiden. Ihre Schiffe waren im Vergleich zu unseren Slipern und Lancern geradezu gigantisch. Mit Massenkatapulten und Merkulitraketen setzten wir uns gegen Waffen zur Wehr, die eine Art von konzentrierter Gravitationsenergie zu sein schienen. Diese Gravitationsstrahlen vermochten unsere Schiffe in Stücke zu reißen, ganz egal wie stark sie gepanzert waren. Unser einziger Vorteil war überlegene Wendigkeit. Somit war es besser zu fliehen, wann immer sich die Möglichkeit bot. Allerdings wurden die sowieso schon spärlich verteilten Siedlungen der Menschen immer wieder Opfer von Angriffen – mehr als einmal standen die Menschen kurz davor komplett ausradiert zu werden. Aber wir haben überlebt! Jedenfalls bis jetzt.

„Wie ist es überhaupt dazu gekommen?“, werden Sie sich mit Sicherheit fragen. Nun, ich habe Ihnen ja bereits erzählt, wie die Kolonisten überhaupt im Dämonennebel gestrandet sind. Zunächst hielten sie den Nebel für die eigenartigste astrophysikalische Anomalie, die jemals entdeckt worden war ... heute sind wir uns beinahe 100% sicher, dass der Nebel nicht auf natürliche Weise entstanden ist. Es gibt einfach keinen denkbaren natürlichen Prozess, bei dem SO ETWAS entstehen könnte – dabei übersteigt der Nebel sogar noch unser physikalisches Weltbild! Aber vielleicht interessiert es Sie ja, zunächst einmal zu erfahren, was genau den Nebel so eigenartig macht... . Dieses blaugrün schimmernde Ungetüm ist kein gewöhnlicher Nebel müssen Sie wissen. Eigentlich hat der Dämonennebel überhaupt nichts mit einem planetaren Nebel gemeinsam – es ist nur so, dass dieses uns bekannte astrophysikalische Phänomen noch am ehesten beschreibt, womit man es hier zu tun hat.
Der Dämonennebel weist eine unglaublich komplexe Struktur auf, die durch Anomalien im Raumzeitgefüge aufrechterhalten wird. Zunächst einmal ist der Dämonennebel ein in allen drei Dimensionen ungefähr gleichmäßig stark ausgedehntes Gebilde, das im Durchmesser so ungefähr 1000 AE misst. 1000 AE! Das ist der 1000 fache Abstand von Erde und Sonne! Sie können sich vorstellen, dass es sich dabei um riesiges Areal handelt – selbst Pluto ist von der Sonne nicht mehr als 39 AE entfernt. Somit ist der Dämonennebel um ein Vielfaches größer als jedes bekannte Sonnensystem. Der Nebel wird eingegrenzt von einer Gravitationsbarriere von großer Macht und Herrlichkeit! Es ist uns völlig unbegreiflich, wie genau das physikalisch überhaupt möglich ist, aber vom äußeren Rand des Nebels wirkt ein normales und sehr starkes Gravitationsfeld nach außen, das, wenn man sich dem Nebel immer mehr nähert, immer stärker wird und dann irgendwann plötzlich verschwindet und direkt in eine unglaublich starke Antigravitationskraft übergeht, die aber nur auf einer Strecke von ungefähr zehn Metern wirkt. Es ist nicht so, dass hier klassische Gravitationsfelder am Werke wären, die ja bekanntermaßen eine theoretisch unendliche Ausdehnung haben und über entsprechend weite Strecken hinweg das Raumzeitkontinuum verkrümmen – hier scheinen die Krümmungen in ganz eng begrenzten Arealen praktisch in das Kontinuum eingeprägt zu sein und es gibt keine erkennbare Quelle dieser Kraftvektoren, die einfach frei im Raum hängen. Wenn man davon ausgeht, dass eine Intelligenz dies alles erschaffen hat, dann macht es in gewissem Maße sogar Sinn: Die im interstellaren Medium verteilten Wasserstoff – Atome werden durch die Gravitationssenke zunächst auf den Nebel zubeschleunigt. Sie sind gerade so schnell, dass sie die nun plötzlich folgende Antigravitationskraft überwinden können. Allerdings ist es den Partikeln im Inneren des Nebels nun wegen der Antigravitationsschwelle nicht mehr möglich, den Nebel zu verlassen! Selbst wir schaffen es nicht mit unseren Schiffen diese Barriere zu überwinden – jedenfalls nicht ohne in Stücke gerissen zu werden. Glauben Sie mir, das haben schon viele versucht. Ich denke mir, der Sinn und Zweck des Ganzen ist es, ständig neuen Brennstoff heranzuschaffen! Bestimmt gibt es irgendwo im Nebel Artefakte, die den Wasserstoff weiterverarbeiten ... vielleicht kennen die Schöpfer des Nebels eine Technik zur direkten Konversion von Materie in Energie. Zutrauen würde ich es ihnen. Sie sehen schon, das Ganze ist einfach zu ausgefeilt, um natürlichen Ursprungs zu sein.
Aber das Innere des Nebels ist noch sehr viel seltsamer! Der „Nebel“ ist nämlich keine einfache Gaswolke. Es ist vielmehr ein Netzwerk aus Korridoren, die aber ein so enges Geflecht bilden, dass sie, selbst aus geringer Entfernung betrachtet, wie eine einheitliche Gaswolke aussehen. Die Korridore wiederum gehen untereinander ineinander über und jeder einzelne Korridor für sich ist eine unbegreiflich komplexe Komposition von Raumanomalien. Stellen Sie sich einen solchen Korridor wie einen Tunnel vor. Der Tunnel hat einen Durchmesser von ungefähr 25 Kilometern – jedenfalls hatten die meisten Korridore, die ich durchflogen habe, ungefähr diese Breite. Am Rand des Tunnels – also sozusagen auf der Kreisbahn, wenn Sie sich das ganze mal im Querschnitt vorstellen, befindet sich eine starke Antigravitationskraft, die nur auf einer sehr kurzen Strecke von ungefähr 3 – 4 m Länge wirkt. Entfernt man sich weiter nach außen und hat man nun die Antigravitationskraft hinter sich gelassen, folgt nun – ähnlich wie bei der Barriere des Nebels - eine Gravitationssenke – also ein nach außen wirkendes normales Gravitationsfeld – genau auf das gleiche Feld – nur viel stärker - trifft man auch, wenn man sich nach Innen bewegt – das Gas, das vielleicht einmal in den Korridor hineinfliegt kann also wieder nach außen transportiert werden, während das Gas praktisch keine Chance hat von außen nach innen zu diffundieren. Diese Kombination von Senken und Antigravitationskräften nennen wir die Abschirmung eines Korridors. Sowohl die Senken als auch die Antigravitation sind aber nicht annähernd so stark wie bei der Nebelbarriere. Diese Anomalien bewirken, dass sich das Gas im Dämonnebel sehr dicht um die Antigravitationskraft – also um die Ränder der Korridore – konzentriert. Auf diese Weise hat man außerhalb der Korridore eine hohe Gasdichte, während der Innenbereich fast völlig frei von Gas ist. Ich weiß nicht, zu welchem Zweck diese Tunnel von den Schöpfern des Nebels – wenn es denn welche gibt – geschaffen wurden – wir benutzen sie jedenfalls als Transportsystem. Sie müssen wissen, dass man einen normalen planetaren Nebel nicht einfach mit hohen Geschwindigkeiten durchqueren könnte – die Reibung ist dort einfach viel zu hoch. Mit den Korridoren existieren nun aber fast völlig reibungsfreie Raumzonen, die den ganzen Nebel durchziehen. Ich denke, genau zu diesem Zweck sind diese Korridore auch von den Erbauern des Nebels eingerichtet worden! Es handelt sich um eine Art Highway. Das Tolle dabei ist, dass praktisch keine Korrekturtriebwerke gezündet werden müssen, während man einen solchen Korridor durchfliegt: Die Gravitationsanomalien am Rand der Korridore drücken bzw. ziehen das Schiff praktisch automatisch in die richtige Flugrichtung. Man muss das Schiff einfach genau ins Zentrum des Korridors manövrieren und dann voll beschleunigen – das Schiff rutscht praktisch den Korridor entlang! Deswegen nennen wir unsere Schiffe Sliper! Es ist wie Schlittschuhlaufen! Kennen Sie Schlittschuhlaufen? Schön.
Es wird aber noch kurioser! Es scheint im Nebel so eine Art Zirkulationssystem zu geben. Wir wissen nicht, wie die Zyklen verlaufen – Fakt ist jedenfalls, dass das Gas, das sich um die Ränder der Korridore konzentriert, in verschiedenen Richtungen am Rand des Korridors entlangströmt. Wahrscheinlich wird so eine möglichst gleichmäßige Verteilung des Gases erreicht beziehungsweise wird es erst möglich, das Gas, das von außen neu in den Nebel hineingezogen wird, effektiv im System zu verteilen.
Sind Sie noch da? Keine Sorge! Ich habe auch eine Weile gebraucht um das alles auf die Reihe zu kriegen und ich lebe immerhin schon mein ganzes Leben in diesem verdammten Ding.
Die Korridore sind aber eben nicht vollständig leer – von Zeit zu Zeit trifft man innerhalb eines Korridors auf ein Asteroidenfeld oder wenige größere Körper – wie z.B. auf Iron Heart. Wir haben einige der größeren Brocken, die wir gefunden haben, besiedelt. Wir entdecken auch ständig neue. Unsere Siedlungen befinden sich ausschließlich im äußeren Bereich der Anomalie. Wir sind bisher mit keinem Schiff tiefer als zehn AE in die Anomalie vorgedrungen. Im Prinzip wissen wir überhaupt nichts über den Dämonennebel! Wer weiß schon, was sich noch alles in seinem Inneren verbirgt... .
Alles was wir wissen, ist, dass aus seinem Inneren die Dämonen hervorgekrochen sind. Und als das geschah, begann der Kampf ums Überleben.

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