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#moo3planet

Die Nebelmaschine von Corny

Interview I - Iron Heart

Mein Herz schlug schnell. Man sagt, es ist wichtig, dass man weiß, wann man seinem Herzen folgen sollte. Das ist es zumindest, was sich die Leute einreden, wenn sie mit ihrem Verstand keine Antworten auf die Fragen finden können, von denen sie zutiefst berührt werden. Ich denke mir ging es in diesem Moment ähnlich. Es gab Dinge, die ich einfach nicht begreifen konnte – ich fühlte mich unsicher, wusste nicht, was eigentlich zu tun ist. Vielleicht war ich deshalb an diesem Abend hierher gekommen. Was ich zu tun vorhatte, war Ausdruck meiner Verzweiflung. Wissen Sie eigentlich wovon ich rede? Haben Sie jemals das Gefühl gehabt, dass Ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wird und das es niemanden gibt, der Ihnen Halt geben kann? Ich suchte Halt. An diesem Abend. Auf Iron Heart.
Der Name war von seinen Entdeckern sehr treffend gewählt worden: Iron Heart war das Zentrum der industriellen Aktivität innerhalb des immer noch rätselhaften Gebildes, das wir den Dämonennebel nannten und der längst zu unserer Heimat geworden war. Zu unserer verhassten Heimat!
Iron Heart war einer der größten Asteroiden, der jemals in einem der Korridore entdeckt worden war. Den Namen hatte er sich vor allem wegen seiner reichen Eisenvorkommen verdient. Eisen – ein wichtiger industrieller Werkstoff. Aber das war noch nicht alles: Platin, Gold und Silber gab es ebenfalls in Unmengen. Und über die Energieversorgung machten wir uns sowieso keine Gedanken. Wir machten es einfach wie immer: Zunächst bauten wir riesige Feldgeneratoren auf Basis von hochentwickelter Nanotube – Supraleitertechnologie. Die Magnetfelder, die vom Feldgenerator Iron Hearts erzeugt wurden, überschritten problemlos die Gigagauss – Grenze. Der Feldgenerator mitsamt der restlichen Anlage war gute 15 Kilometer vom eigentlichen Boliden entfernt und reichte fast bis an die Antigravitationsschwelle, oder – wie wir Einheimischen sie nennen – Abschirmung des Korridors heran. Das war zweckmäßig, denn so störten die Magnetfelder keine technischen Systeme und befanden sich nahe am Bereich der höchsten Gasdichte. Die Magnetfelder fingen das am Rand der Korridore entlangströmende Wasserstoff – Gas auf und beförderten es in einen Fusionsreaktor im Zentrum der Anlage. Dort fand eine kontrollierte Fusionsreaktion statt, bei der der Wasserstoff in Helium umgewandelt und beträchtliche Mengen an Energie freigesetzt wurden – hauptsächlich in Form von Neutronenstrahlung. Die so gewonnene Energie wurde zur Aufrechterhaltung der Magnetfelder und – natürlich - für die Energieversorgung Iron Hearts verwendet. Durch 15 Kilometer lange Supraleiterkabel, die durch einen 50 Meter dicken Arm aus einem Titangerüst liefen, der den Asteroiden mit der Fusionsanlage verband, wurde die Energie verlustfrei bis in den industriellen Hauptkomplex transportiert und dort über ein Energieverteilungssystem den einzelnen Lebens- u. Industriebereichen zugeführt. Iron Heart war unser ganzer Stolz.
Zumindest war es das Zentrum UNSERER industriellen Aktivität – über die andere Seite wusste man nicht viel. Auch ich wusste beinahe nichts über die Möglichkeiten der Nebeldämonen, obwohl ich wesentlich besser über sie informiert war als der ganze Rest zusammen. Ich wünschte, die Leute hätten alle gewusst, was mir einfach nicht aus dem Kopf gehen wollte, dann wäre es nie soweit gekommen und ich wäre nie dort gewesen, um meine Geschichte zu erzählen.
Ich hatte Iron Heart aus mehreren Gründen für das Treffen ausgewählt. Es war einfach am sichersten: Die Gemeinschaft hatte sich sehr bemüht den Standort Iron Hearts vor den Imsaeis geheim zu halten. Anscheinend war uns das geglückt, sonst wäre Iron Heart mit Sicherheit schon längst Opfer eines Angriffs geworden.
Ich befand mich in einer furchtbaren Lage und trotzdem musste ich Schmunzeln, wenn ich über die Ironie der Situation nachdachte. Wie vielen Menschen war ich heute begegnet? Dutzenden? Hunderten, ja vielleicht sogar Tausenden? Jeder einzelne Mensch auf Iron Heart hasste die Imsaeis – die Nebeldämonen - aus tiefstem Herzen. Jeder Einzelne, nur ich nicht – und ich war der Einzige – der EINZIGE - der überhaupt ihren Namen kannte. Einst hatte ich auch zu ihnen gehört... .
Ich hoffte jedenfalls auf Iron Heart einem möglichen Angriff zu entgehen. Ich durfte nicht riskieren zu sterben. Was ich wusste, musste unbedingt die ganze Gemeinschaft erfahren. Ich durfte nicht scheitern, es stand so viel mehr auf dem Spiel als nur mein eigenes Leben, denn ich musste die Menschen vor sich selber retten.
Vielleicht hatte ich diesen Ort aber auch einfach nur deshalb ausgewählt, weil hier alles angefangen hatte... .

Das von den Leuten einfach frei definierte westliche Ende des Asteroiden war das Zentrum der Habitatssektion – hier florierte das gesellschaftliche Leben. Die meisten Bewohner Iron Hearts – die Steelers ( ein Kunstwort, das sich mit der Gründung der Siedlung eingebürgert hatte ) - wohnten hier und es gab eine Menge Bars, Lokale und Freizeiteinrichtungen für Freizeitaktivitäten jeglicher Art. Diese Art der Ablenkung war für die Menschen sehr wichtig. Das Leben im Dämonennebel war für die meisten einfach zu belastend – zu feindselig. Ich will nicht wissen, wie viele Arbeitskräfte uns verloren gehen würden, wenn wir diese Einrichtungen nicht zu unserer Verfügung hätten... . Ich gebe zu, dass ich von Zeit zu Zeit auch einen Besuch in der ein oder anderen virtuellen Fangzone nötig hatte ... wirklich, jedes Mal ein unvergessliches Erlebnis. Ich dachte kurz darüber nach und bemerkte, dass ich schon sehr lange keine Freizeit mehr genossen hatte. Ich empfand es aber nicht als einen Verlust – ich spürte nicht das Verlangen nach Befriedung irgendwelcher leiblicher Genüsse. Was war mit mir in den letzten Monaten geschehen? Im Nachhinein glaube ich, dass mich die Realität einfach eingeholt hatte. Nichts konnte mich mehr dazu bringen, die Wirklichkeit zu vergessen, den Blick von den Tatsachen abzuwenden – von allem, was in den letzten Monaten mein Weltbild zuerst Stück für Stück zerstört und dann wieder vollkommen neu aufgebaut hatte.
Das Treffen sollte in einem Lokal namens SteelerInn stattfinden. Nachdem, was mir Jessica gesagt hatte, musste es sich dabei wohl um eines der besseren Lokale handeln. Ehrlich gesagt war mir das auch lieber – ich mochte nun mal keine Pubs. Ich gebe zu, dass das eine seltsame Einstellung für jemanden ist, der die meiste Zeit seines Lebens auf zehn Quadratmeter Wohnraum in seinem Sliper verbrachte. Ich liebte meinen Sliper eben über alles und ich hätte das elektromagnetische Summen seiner Magnetfeldprojektoren sicherlich von dem eines jeden anderen Slipers unterscheiden können, aber ich hatte eine Schwäche für ein gelungenes Ambiente. Somit konnte ich diesem Treffen zumindest zum Teil etwas Gutes abgewinnen. Das hatte ich auch bitter nötig. Ich fand schließlich das Lokal auf einer der oberen Ebenen.
Von hier oben hatte man einen wunderbaren Blick auf Iron Hearts Stadtzentrum, das gigantische Ausmaße annahm. Wenigstens hier war die menschliche Zivilisation noch präsent – eine Hochburg des Homo Sapiens Sapiens in seiner verzweifelsten Stunde.
Das Zentrum war eine herrliche Komposition von Technologie und Biologie: Bäume, die unter der niedrigen Schwerkraft mehrere hundert Meter hoch oder breit werden konnten, waren bewusst so gezüchtet worden, dass sie den Anschein erweckten, als ob sie die eigentlichen Stützen der gläsernen Kuppel wären, die von Titanmasten durchzogen wurde und hoch über meinem Kopf thronte, wobei sie einen herrlichen Blick auf die nebelähnliche Anomalie des Dämonennebels freigab. Der Nebel schimmerte in einem wunderschönen grünblau – eine herrliche Mischung von Farbtönen, wie sie nur von einem Künstler gewählt sein konnten. Das, kombiniert mit einem modernen innenarchitektonischen Design und der Vielfalt an Geschäften, die sich über die ganze Halle verteilten, erweckte den Anschein, als sei die Welt völlig in Ordnung. Ich erwischte mich dabei, wie ich drohte, in dem ganzen Glanz und Glimmer zu versinken. Es war schön gewesen – für einen Moment.
Gleich beim Eintritt in das Lokal bemerkte ich, dass ich ganz offensichtlich die Aufmerksamkeit eines Mannes auf mich gezogen hatte. Er wartete in einer der hinteren Ecken an einem Zweipersonentisch. Die Beschreibung passte perfekt auf ihn. Während ich das Lokal durchschritt, blickte ich für einen kurzen Moment nach unten und bemerkte, dass der Boden beinahe vollkommen transparent war und den Blick auf ein Arboretum freigab. Hübsch, dachte ich. Zusammen mit den intelligent verteilten Laserlichtlampen und der luxuriösen Einrichtung ... irgendein Innenarchitekt war mit dieser Einrichtung vermutlich hochberühmt und stinkreich geworden. Ich weiß auch nicht, warum ich in diesem Moment überhaupt über solche Dinge nachdenken konnte – andererseits behinderte es mich auch nicht. Ich begrüßte meinen Interview – Partner mit einem freundlichen Lächeln.

„Sie sind also Lucius...“
David Donnel musterte mich von oben bis unten. Ich wollte eine offenere Haltung einnehmen, aber ich konnte nicht. Ehrlich gesagt war ich skeptisch. Nach dem ersten Eindruck den ich von David bekommen hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass er die Sache ernst genug nahm. Er blickte mir in die Augen und sein Blick verharrte.
„Lucius da Varga.“
„Wie er leibt und lebt.”, antwortete ich und versuchte möglichst locker zu wirken.
„Jessica rief mich an und sagte, dass es von äußerster Wichtigkeit sei, dass ich mir anhöre, was sie zu sagen haben.“
„Ich versichere ihnen Mr. Donnel, sie hat nicht übertrieben.“
David Donnel war ein nicht unbedeutendes Mitglied der Informationsgilde. Die Aufrechterhaltung einer effektiven Informationsverteilung war im Dämonennebel äußerst problematisch. Sogar noch weit mehr als das: Es war gefährlich. Jedoch wurde der Aufrechterhaltung eines Informationsnetzwerkes so viel Bedeutung zugemessen, dass stets bedeutende Ressourcen eingesetzt worden waren, um die Kurierschiffe der Gilde zu schützen. Man legte großen Wert darauf, dass ihre Sliper mit den besten Magnetfeldprojektoren und effektivsten Fusionsantrieben ausgestattet waren. Es kursierten sogar Gerüchte, wonach manche Kurierschiffe mit kinetischen Hochleistungswaffensystemen ausgerüstet waren, um sich im Zweifelsfall gegen Patrouillen der Nebeldämonen zur Wehr setzen zu können. Ich bezweifelte aber, dass das die Imsaeis wirklich abschrecken konnte.
„Haben Sie etwas dagegen wenn ich unsere Unterhaltung aufzeichne?“
„Nein, ich denke nicht.“
Ich bestand sogar darauf! Ich wollte nicht, dass ihm irgendein wichtiges Detail abhanden kommen würde.
„Sie sind also derjenige, der publik machen soll, was ich der Gemeinschaft zu sagen habe.“
„Ja. Sie sollten das nicht als selbstverständlich ansehen Mr. da Varga. Jessica hat angedeutet, dass die ganze Sache nur deshalb nicht publik geworden ist, weil man in Führerkreisen nicht möchte, dass die Informationen an die Öffentlichkeit gelangen. Ist es nicht so?“
„Ich will sie nicht belügen. Ich könnte sie sogar gefährden, wenn ich ihnen von allem erzähle und sie bitte, die Informationen weiterzugeben. Ich bitte sie dennoch, dieses Risiko einzugehen. Wenn sie alles von mir erfahren haben, werden sie verstehen, wieso diese Informationen von so außerordentlicher Wichtigkeit sind. Ich bitte sie, sie müssen mir einfach glauben, wenn ich ihnen sage, dass von ihrer Berichterstattung das Überleben der Gemeinschaft abhängen wird.“
Die Idee war prinzipiell einfach. Donnel sollte die Story über das Nachrichtensystem allen Menschen der Gemeinschaft zugänglich machen – denn – davon war ich überzeugt – nur die breite Masse der Bevölkerung würde in der Lage sein, Hood aufzuhalten.
„Ich will hoffen, dass es die Sache wirklich wert ist. Wenn ich Jessica nicht noch etwas schuldig wäre... .“
„Ich danke ihnen David.“
„Also gut Mr. da Varga, ich würde sagen, fangen sie einfach an. Jessica sagte irgendetwas davon, dass sie beide sich hier auf Iron Heart kennen gelernt haben.“
„Ja, das ist richtig. Ich bin immer gerne bereit, meine Fähigkeiten und mein Wissen zur Verfügung zu stellen, wenn es zweckmäßig ist. Deswegen bin ich damals nach Iron Heart gekommen. Es war damals mein ganzer Ehrgeiz, der Gemeinschaft im Kampf gegen die Nebeldämonen zu dienen... .“

Phalanx

Mein Sliper schnellte den Korridor entlang. Grünblaue Nebelschwaden rauschten nur so an mir vorbei – es war, als würde man durch einen Tunnel in eine andere Welt geschossen werden. Durch die Korridore des Dämonennebels zu fliegen, war etwas ganz anderes als den freien Weltraum zu durchqueren: Dort nahm man die enormen Geschwindigkeiten nicht wahr, mit denen man sich bewegte. Erst wenn man relativistische Geschwindigkeit erreichte, wurde man sich indirekt bewusst, wie groß das eigene Delta V wirklich war: Bei diesen Geschwindigkeiten war die träge Masse des Raumschiffs bereits so groß, dass das Raum-Zeit-Kontinuum deutlich verzerrt wurde.
Ich habe niemals dieses Naturschauspiel mit eigenen Augen beobachten können – ich bin bereits im Dämonennebel geboren worden und habe niemals das Land zwischen den Sternen besucht. Aber Ben hat mir davon erzählt!

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