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#moo3planet

Das blaue Flackern (Seite 6)

„Das ist die Regenerator-Schicht.“ ,antwortete der Leiter.
„Was macht die ?“, fragte ich.
„Sie kümmert sich um die Energieversorgung und die Schäden an der Oberfläche.“, antwortete er wieder geheimnisvoll.
„Schäden ?“, gab ich grübelnd von mir.
„Ja, alles hat Zeit inne, und alles wird durch die Zeit verändert. Alles bekommt Alterserscheinungen – auch unsere Technologie. Die Regenerator-Ebene stellt das Gleichgewicht wieder her.“,antwortete er mit einem Anflug von Religiösität. Je tiefer wir kamen, desto ehrfürchtiger erschien er mir. Nun erschien mir der ganze Komplex , durch den wir reisten, wie eine Zelle auf makroskopischer Größe. Eine höchst perfekte Zelle.
Wir durchflogen die Regenerator-Ebene, und hier sah ich das erste Mal metallische Dinge. Ob es Roboter waren, weiß ich nicht. Unter dem Boden dieser Schicht, in die einige Glasrohre führten, jedoch viele andere Öffnungen hatte, sah ich metallene Folien, die in der Gegend mit beängstigender Geschwindigkeit rumflogen. Es waren Blätter die vielleicht 40 cm * 30 cm groß waren. Ihre quadratische Form konnte ich nur deswegen erkennen, weil eines von ihnen auf dem Glasrohr landete, durch das wir flogen und ich den Fahrer bat, stehenzubleiben. Die Folie legte sie dabei auf die Form des Glasrohres. Es funkelte kurz unter der Folie, und sie flog wieder weg. Ohne Zweifel mußten die Vultu eine überragende Zivilisation gewesen sein.
Wir flogen weiter, mit höherer Geschwindigkeit, und die Glasröhren, die ins Innere führten wurden immer weniger. Schlußends kamen wir zu einer verspiegelten Kugel, welche einige Kilometer Durchmesser besaß. An ihrer Oberfläche sah ich vielleicht ein Dutzend Glasröhren hineinführen. Und ich sah soetwas wie weiße Haare auf der Oberfläche, die abwärts von der Kugel standen. Ich hielt sie für eine Art sehr dünne Glasfaserkabel. Innerhalb der Kugel waren riesige Hallen, wo viele Zylinder-Gefährte rumstanden. Riesige Massen von Emonianern bewegten sich in diesen Hallen, aber es war ausserordentlich still hier. Es gab auch einige andere gläsernen Emonianer hier. Ich wollte meine Begleiter eine Frage stellen, wo nun der Computer sei, aber als ich sprach hörte ich keinen Ton aus meiner Kehle. Ich klatschte in die Hände, und hörte nichts. Es war, als ob ich taub geworden wäre. Meine Begleiter aber sahen meine Bemühungen und machten eine Geste, daß ich mir darüber keine Gedanken machen soll. Ich vertraute dieser Geste, und folgte ihnen.
Wir kamen nach einigen Kilometern Fußmarsch mit der Menge zu einer runden weißen Wand. Meine Begleiter winkten, ich solle alleine hineingehen.
Als ich eintrat erblickte ich einen Raum von etwa hundert Metern Durchmesser. Zu meiner Verwunderung war ich alleine, aber ich strengte mich nicht an, nachzudenken, wieso dies so war. In der Mitte des Raumes war eine riesige gläserne Kugel, von der oben und unten diese weißen Haare ausgingen. Die Kugel war etwa 4 Meter im Durchmesser, und hatte kleine metallische Stücke drin , die wie glitzernder Staub wirkten.
„Ich...“, sagte ich, und merkte, daß ich in diesem Raum sprechen konnte.
„Du bist wegen mir hier“, hallte es von den Wänden des Raumes.
„Ja.“,sagte ich.
„Weshalb ?“,fragte er und ich begann selbst über diese Frage ernster nachzudenken.
„Ich bin ein Forscher der Menschen. Ich wollte wissen ob du ein Wesen bist oder eine Maschine.“, antwortete ich wie ein Diplomat.
„Ich bin Vultu-Lok. Sag bist du ein Wesen oder eine Maschine ?“,fragte er und ich konnte keine Antwort geben, von der ich ihn überzeugen hätte können. Nach kurzem Überlegen antwortete ich aber : „Ich wurde von niemanden geschaffen. Ich bin ein Wesen.“.
„So hast du keine Eltern, wie Emonianer sie haben ?“, fragte er mich wieder, und verwirrte mich. Ich versuchte mich zu konzentrieren, zu einem anderen Thema zu lenken. Vultu-Lok stellte zu beunruhigende Fragen, je länger ich über sie nachdachte.
„Bist du die Religion der Emoni ?“, fragte ich mit einer gespielten Größe, die er hoffentlich nicht hinterblickte.
„Ich bin die Ethik, die Moral und der gewollte Verstand der Emoni.“, sagte er.
„Aber du bist auch ihr Wärter und ihr Gefängnis.“, hakte ich nach.
„So könnte man eure Eltern, eure Pflichten in eurem Staat auch bezeichnen. Definitionen beschreiben. Aber sie erklären weder mich, noch euch.“, sagte er wieder.
„Können die Emoni weg aus dieser Welt ?“,fragte ich.
„Ja. Jeder ist in der Welt, wie sie für ihn wirkt. Und so ist jeder in einer anderen Welt. Denkst du, diese Welt wirkt auf sie genauso, wie auf dich ?“, antwortete er und ich konnte wieder nichts entgegnen. Jede Frage beantwortete er für mich so, daß ich nichts dranhängen konnte.
„Und wer seid ihr Menschen ?“, fragte er mich.
„Wir sind aus dem Universum der Vultu, denke ich, und haben ein blaues Flackern erforscht. Und sind durch dieses Phänomen durchgeflogen, zu dieser Welt.“, antwortete ich.
„So also habt ihr den Schlüssel der Vultu gefunden.“, sagte er. Ich nickte zufrieden. Einen Stolz konnte ich nicht verbergen, obwohl Vultu-Lok wahrscheinlich nicht wußte, was Stolz ist.
„Möge es euch nicht so ergehen wie ihnen.“, fügte er hinzu. Es klang wie ein Abschied, und es klang, als ob er nicht mehr Fragen von mir hören wollte. Er wußte also, was mit den Vultu geschehen war. Vermutlich hatte er Sinne in unsere Welt. Er beobachtete unsere Welt wohl, wie wir das blaue Flackern beobachteten. Ich war mir nun sicher. Das blaue Flackern waren seine Sinne zu unserer Welt. Damit nahm er sie wahr. Er wußte von allem wohl. Von den Antaranern; von den Orionern; von unserer Galaxie. Ja er wußte auch über uns, und seine Frage, wer wir seien war sicher keine Frage an die Eigenschaften unserer Rasse sondern wohl eine Frage an einen menschlichen Geist. Ja, er wollte wohl wissen, wie weit das Bewußtsein von uns war, wohl weil er selbst das Bewußtsein als das größte Wunder ansah - und ich antwortete ihm mit einem Standardspruch. Ich bereute nun, daß ich nicht länger über mein Gesagtes nachdachte. Ich hätte ihn wohl vieles fragen können. Er hätte wohl auf jede Frage die ich mir vorstellen konnte, antworten können. Aber ich war es, der ihm nicht gewachsen war.
Ich blickte kurz noch zu ihm zurück bevor sich eine Tür an der Wand kennzeichnete.
„Ich danke für das Gespräch. Auf Wiedersehen.“, sagte ich dankbar aber enttäuscht. Er antwortete nicht, und ich dachte mir, daß ich das auch verdiente. Trotzdem fühlte ich mich geehrt gegenüber so einer Weisheit gestanden zu haben.
Auf dem Rückweg blieb ich still, und meine gläsernen Freunde ebenso. Lange noch hallten Vultu-Lok’s wenigen Worte in meiner Erinnerung. Und je länger ich über dieses Erlebnis nachdachte, desto mehr dankte und freute ich mich, es erlebt zu haben.
Als wir wieder an der Oberfläche angelangt waren, bewegte sich das Gefährt zu einem runden niedrigem Gebäude. Wir hielten davor, und zwei Emonianer kamen gerade aus dem Gebäude. Sie winkten mir zu, und ich ging mit meinen Gefährten hin zu ihnen. Je näher ich ihnen kam, desto mehr lösten sich jedoch meine Gefährten auf, und schlußends verschwanden sie in den zwei Emonianern, die vor mir standen.
„Ich hoffe, es hat dir gefallen und genutzt.“, sagte der eine, und ich erkannte an seiner Stimme, daß er der Leiter des Bezirks war. Ich nickte still, denn das soeben passierte ließ mir diese Welt unheimlich erscheinen, und an ihrem warmen Lächeln sah ich, daß sie wußten, daß ich dieses Erlebnis erst verdauen mußte. Mir schwirrten zuviele Gedanken um diese Welt der Emonianer im Kopf herum.

Ich flog wieder zurück zum Schiff. Eigentlich hatte ich vor zu schlafen, doch ich konnte nicht, und so schaute ich die halbe Nacht aus dem Fenster meines Quartiers zum Nachthimmel, welchen ein Mond zierte, und zur Glasstadt. Am nächsten Tag würde ich wohl diese so befremdliche andere Welt schon verlassen haben. Diese Welt, die nun auch in meinem Kopf herumspukte. Alles an ihr war perfekt, ich sah keinen Makel. Wieso sollte man so eine Welt verlassen wollen, fragte ich mich. Auch diese Frage, die ich ja an Vultu-Lok stellte, erschien mir nun kindisch und übereilt. Ja, Jane hatte vielleicht recht. Ich mußte zu Jane...
Ich suchte in den Gängen nach ihrem Quartier. Willow...Willow mit dem Namen klapperte ich jede Tür auf dem B-Stockwerk ab. Willow - Jansen, da war es. Sicher schlief sie schon, aber ich mußte sie unbedingt sprechen. Die Tür war zugesperrt, verriet mir ein rotes Lämpchen, also klopfte ich, und rief nach ihr. Sie machte müde in einem dünnen Pyjama die Tür auf. Sie nahm mir das Wecken überraschenderweise nicht so übel, wie ich befürchtete.
„Was ist, Houston ?“, scherzte sie.
„Jane, ich muß dich sprechen“, sagte ich unüberlegt.
„Ja, das sah für mich auch so aus.“, sagte sie, während sie gähnte.
Sie zog sich kurz Zivilsachen an, und wir gingen zu einem Sitzplatz am Gang, wo durch ein kleines Fenster der Nachthimmel bläulich hineinschimmerte.
„Du hast recht...“, sagte ich, und setzte fort : „es gibt mehr als die Vergangenheit. Du bist mehr, ja selbst diese Welt, dieser Augenblick ist mehr. Ich will mit dir hier bleiben.“
„Nein, du hattest schon recht. Wir sind Menschen. Um den Augenblick geht es nicht. Es geht um das was wir sind, und um das was wir aus dem, was wir uns gemacht haben, machen.“, sagte sie, und nun war ich enttäuscht. So enttäuscht, das ich es nun fühlte. Da es nämlich gegen ein Gefühl stieß: Liebe.
„Ich liebe dich.“, sagte ich und sie blickte zu mir mit großen Augen. Fast als ob es sie mehr gewundert hätte dies zu hören, als die Welt der Emonianer.
„Ich liebe dich auch.“, sagte sie mit leiser Stimme.
„Aber ich will bei uns, mit dir glücklich werden.“, fügte sie hinzu. Ich wollte diesem nichts entgegenstellen. Sie schien wieder einen Entschluß gefasst zu haben. Ich wollte ihr nicht wieder die Enttäuschung antun, die ich ihr auf der Plattform antat. Ihr Glück – was sie darunter verstand, war mir nur mehr wichtig. Gedanken sagten mir, sie hätte nun ihren Weg gefunden – den Weg, den sie mit mir gehen wollte. Wie er aussehen würde, wußten wir beide wohl nicht. Mit einem Lächeln senkte sie sich in meine Arme, und wir schliefen ungeahnt ein, und träumten das Vergessen und den neuen Weg...

Ich verabschiedete mich an diesem letzten Tag von den Emonianern, die ich zuwenig kennengelernt hatte. All die anderen taten das auch. Wir bekamen auch Abschiedsgeschenke von ihnen. Ich bekam erfreulicherweise eine dieser Glaskugeln, mit denen man sprechen konnte. Ein anderer bekam einen dieser gläsernen Fächer. Der Captain bekam so ein gläsernes Gefährt. Die Sachen der anderen kannte ich nicht, aber die Emonianer erklärten sie ihnen. Der Captain lud auch viele Emonianer zu einem Festessen in unserem Speisesaal ein. Dabei verhielten sich die Wesen, wie Roboter, und aßen sehr vornehm. Das meiste schmeckte ihnen, auch wenn sie Mühe hatten mit unseren Bestecken zu essen. Aber sie amüsierte unsere Art des Lebens, und das war schön zu sehen.

Nach diesem Abschiedsfest startete unser Schiff. Es war eine sternenklare Nacht, und die Emonianer schauten uns zu. Jane schien bessere Laune zu haben heute. Vielleicht hatte sie sich damit abgefunden jetzt. Ich schaute aus dem Fenster zum Himmel. Zwei Monde waren am Himmel. Bisher hatte ich immer nur einen gesehen. Aber wahrscheinlich waren beide nur Illusionen, sowie die Sterne. Sah der Himmel des Vultu-Heimatplaneten so aus ? Zuwenig haben wir erfahren von dieser Welt, obwohl diese zweifelsohne die Fremdartigste war, die den Menschen bisher wohl untergekommen ist.
Es dauerte alles nicht lange. Freeman schaltete den Zeitanomalie-Sensor nach Cer’s Kalibrierungen ein. Ich blickte zu Freeman, während ich Jane’s Hand hielt. Ich blickte zu ihm, wie zu der Ungewißheit, die mich in unserem Universum wieder umfangen würde, und ich wurde unsicher. Ich schaute zu Jane – blickte zu ihr, und stellte ihren Entschluß in Frage. Sie jedoch schmiegte sich an mich, und gab mir wieder das Gefühl von Sicherheit.
Dasselbe blaue Phänomen wie beim Eintritt, begann unser Schiff zu umgeben, und die Welt der Emoni löste sich vor uns auf. Schwärze trat an ihre Stelle. Die Schwärze des Alls. Cer war ein Genie. Verdammt, er war ein Genie. Ich klopfte ihm anerkennend an die Schulter, und er gab ein zufriedenes Gurren von sich.
„Verdammt !“, schrie Freeman plötzlich, den wir über einen Schirm sahen. Qualm und Rauch war zu sehen in seinem Raum. Der Sensor zerfiel in abertausend glühende Stücke.
„Hey, seht euch das an !“, sagte Steve plötzlich panisch, während er gerade nach links aus dem Fenster blickte. Ich folgte seinem Ruf und sah es nun auch : zwei Galaxien waren am Vereinen.
„Andromeda und die Milchstraße !“, sagte Karl und schrie weiter entsetzt: „...aber die sollten erst in ein paar hundert Millionen Jahren kollidieren !!“.
Mich ergriff auch Panik, doch Jane faßte mich an der Hand und flüsterte mir sanft ins Ohr : „Unser neues Leben.“.
Und ich verstand was sie getan hatte.

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