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#moo3planet

Das blaue Flackern (Seite 2)

„Sonde auf 4 Millionen.“, sagte Steve. Endlich was aufregenderes mal. Am Vortag hatte ich im Grunde auch schon viel zu tun. Denn die Sonde kam ins Trudeln, und zwar rotierte sie, sodaß sie schon auseinanderbrechen wollte, aber zum Glück konnte ich noch rechtzeitig die korrigierenden Daten senden. Aber jetzt; heute, war der große Augenblick gekommen. Die Sonde verhielt sich stabil. Stabiler als die Erste.
„Houston, überwachen sie die Sende-Peripherie, ich will mich einmal auf sie verlassen.“, sagte Freeman. Was gab es da großartig zu überwachen ? Vor allem, wo er beschlossen hatte, Steve denselben Bildschirm zu übermitteln, wie mir. Jane rekalibrierte ständig den Empfang, und Cer durchforstete die Daten, die die Sonde dauernd sendete, und Freeman ekelte mit Fragen an : „Gibt’s schon was ?“ , „Ist die Sonde auf exakten Kurs ?“, usw..
Steve fing nach einigen Stunden der Gebanntheit als Erster an, zu antworten : „Die Sonde kommt ins Trudeln !“.
„Kompensieren !“, sagte Freeman schnell. Cer aber schoß aus sich heraus : „Nicht kompensieren ! Die Gegenkräfte werden sie zerreißen !“.
Steve schaute kurz zu Freeman, und er nickte. Damit wurde Cer’s Warnung ignoriert, und Steve schaltete die Steuerdüsen und Trägheitsdämpfer ein, und versuchte die Sonde wieder zu stabilisieren. Es brachte nichts. Die Sonde suchte sich immer neue Rotationsrichtungen aus. Freeman sah das, und befahl : „Automatische Stabilisation !“.
Nun schaltete sich Cer lauter ein : „Die Sonde wird das nicht überstehen !“
Freeman aber wurde wütend, und sagte : „Die Sonde wird viel früher zerrissen werden, wenn wir sie den Zentrifugalkräften der Rotation aussetzen !“
„Nein, nach den Daten wird sie als Gesamtes ebenfalls kreisen, um einen Mittelpunkt, der ausserhalb von ihr liegt. Durch die automatische Stabilisation wird sie Belastungen bekommen, falls der Schub nicht stark genug mehr ist. Die Sonde wird so und so zerissen werden, aber mit Stabilisation viel früher !“, sagte Cer mit fast unverständlicher Geschwindigkeit. Immer wenn er sich vergaß, sprach er so schnell, wie Klackons es immer tun. Freeman verstand ihn aber noch, und sagte Steve : „Ok, lassen wir die Sonde trudeln. Zurückholen können wir sie offenbar nicht mehr. Und wir brauchen die Daten.“
Die Sonde kam in 2 Millionen Kilometer Entfernung, und hielt sich erstaunlicherweise sogar noch eine Stunde in der Umlaufbahn, bevor sie zerbrach.
Als sie zerbrach blickte ich kurz zu Freeman , und er blickte zu mir, mit einem enttäuschten Blick - aber auch mit Verständnis. Er hatte nun vielleicht den Gedanken gehabt, daß ich womöglich doch nicht Schuld hatte am Zerbrechen der ersten Sonde.
Cer aber schien es nicht zu stören, daß die jetzige Sonde zerbrochen war. Er schaute noch immer interessiert zu seinem Bildschirm, und schrieb sich wieder einige Zahlen auf. Manche setzte er auch in Formeln auf seinem Notizblock. Jane aber war genauso demotiviert, wie Freeman. Sie drehte sich mit ihrem Sessel weg vom Pult, und blickte zu Freeman, der sich mittlerweile vor seiner großen Konsole nach stundenlangen Stehen hingesetzt hatte.
„Verdammt !“, schrie Freeman, und es folgte eine kurze Stille darauf.
„Vielleicht liegt es an der Verkleidung der Sonde ? Vielleicht brauchen wir ein stabileres Material !“, sagte Steve, aber das tröstete Freeman jetzt gar nicht.
„Nein, wir machen Feierabend – ich hab genug.“, sagte Freeman, schmieß seine Computertafel auf die Konsole und ging aus dem Raum.
„Cer verdammt nochmal, hör auf, es hat keinen Zweck !“, schrie Steve, aber Cer machte nur eine Körperstellung, als ob er das eben Gesagte, süß gefunden hätte, und machte weiter. Er sah das wohl als Kompliment, oder so an. Wir ließen ihn weitermachen, und gingen alle aus dem Raum. Steve ging in Richtung Bar, ich aber hatte absolut keine Lust dahinzugehen. Der Weg zu meinem Quartier, und Janes Weg, war derselbe. Ich wußte nicht wohin sie ging, aber sie begleitete mich.
„Was wirst du heute noch machen ?“, fragte sie mich.
Mit ungeschickter Charmantheit erwiederte ich : „Das sollte ich dich ja eigentlich fragen.“
Sie lächelte verlegen. Mir schien sogar, sie wurde etwas rot dabei. Und sie sagte : „Ich weiß nicht was ich mache, ist kein besonderer Tag. Deswegen geh ich dir nach, ich dachte du hast vielleicht eine Idee.“
„Nun, wir sind ja nicht gerade auf einem Urlaubs-Schiff.“, sagte ich.
„Gehen wir einfach in den Maschinenraum und plaudern ´ne Weile, wie vor ein paar Tagen ! “, sagte sie plötzlich.
„Ok.“, sagte ich, obwohl ich gar nicht dahingehen wollte. Aber ich war wohl so überrascht , daß ich nicht wußte, was ich anderes sagen sollte.
Als wir im Maschinenraum waren, schwiegen wir uns aber nur an. Über was schließlich sollten wir sprechen? Im Grunde wußten wir schon vieles über uns. Alles andere ginge über Berufliches hinaus. Wir starrten also aus dem Fenster, und beobachteten das blaue Flackern. Das erste Mal, seit ich hier auf der Eurynome-9 war, fühlte ich mich irgendwie wohl. Ich weiß nicht, wie weit es mit Jane kommen könnte, aber sie dachte wohl wie ich. Zumindest schien es mir so, als ob sie mich verstehen könnte, obwohl sie mich nicht kannte. Vielleicht war sie auch alleine auf diesem Schiff. Sie hatte vielleicht auch ihre eigene Welt, wie auch ich die meine hatte. Klar, auch Cer, Freeman, Steve, und die anderen hatten ihre Welt - aber sie fühlten sich nicht verlassen, nicht isoliert. Von Jane hätte ich das bis vor kurzem auch nicht gedacht, aber anscheinend war sie es. Sie blickte vor mir wie eine Alleingelassene aus dem Fenster. Vielleicht hatt’ sie auch erwartet, daß ich ihr näher komme. Vielleicht wollte sie aber auch nur, auf der Ebene wie es jetzt war, mit mir zusammen sein. Einfach nur denken wollen, daß sie jemanden hat, mit dem sie sprechen kann. Ich hätte ihr an dem Abend näher kommen können. Vielleicht sehnte sie danach. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall, hätte ich es mir erlauben können. Aber ich tat es nicht. Nein, so ein Platz; auf so einem Raumschiff; bei so einer Arbeit. Das war kein Platz für den Beginn einer Beziehung. Und Jane war kein Mädchen für ein Abenteuer. Sie erwartete mehr, aber sie dachte nicht darüber nach, welche Konsequenzen sowas hatte. Würden wir zurück fliegen zur Basis, würde ja doch jeder seinen Weg gehen. Sie würde neuen Projekten zugeteilt werden, und ich ebenso. Von Freeman konnt ich sicher keinen guten Bericht erwarten. Ich würd’ also sicher nicht für bessere Jobs aufgewertet werden. Ja, ich hätte diese Gedanken Jane sagen können. Aber nein – dafür schaute sie zu gebannt in die Leere. Schien den Augenblick zu sehr mit mir genießen zu wollen...

Am nächsten Tag klopfte Cer unentwegt an meiner Tür. Es war ein vibrierendes Klopfen, von daher wußt ich, daß er es war. Ich schaute auf die Uhr. Es war eine Stunde vor Dienstbeginn. Verdammter Klackon ! Und als ich öffnete, sagte er sogar er hätte extra später geklopft, damit er mich nicht aufweckt.
„Ok, was ist los, Klackon !“, sagte ich mürrisch.
„Gestern , die Sonde...“, sagte er.
„Ja, was ist damit !“, unterbrach ich ihn.
„Wir untersuchten immer Daten der Sonde, die sie noch senden konnte, bevor sie zerbrach...“, sagte er ihn hektischer Schnelligkeit, und setzte fort : „es war falsch das auszuwerten. Die Trümmerstücke selbst, geben Aufschluß über das Phänomen !“, sagte er.
„Verdammt ich versteh kein Wort. Hast du das Freeman schon erzählt ?“, fragte ich.
„Nein, ich dachte, so wütend er gestern war, würde ihn das vielleicht nicht so interessieren.“, erwiederte er mit herzlicher Klackon-Logik.
„Ok, also ich schlag’ vor, du trinkst ’mal einen Baldrian-Tee, und wartest, bis alle im A5 versammelt sind, klar ?“, sagte ich ihm, obwohl ich wußte, daß er darauf wieder seine verdammte fragende Kopfstellung machen würde. Aber zum Glück verschwand er wenigstens gleich darauf. Nun hatte ich dank ihn eine Stunde Zeit zum Frühstücken. Also ging ich in die Bar, welche zu dieser Zeit leer war.
„Einen Tee.“, sagte ich unüberlegt. Das war mir wohl von Cer eingefallen.
„Kommt sofort !“, erwiederte der Sauropid, der glaub ich, Gorm hieß.
Der Tee schmeckte ausserordentlich echt, und das Glas war sogar sauber. Eigentlich alles Anzeichen für einen guten Tag. Als ich ins A5 ging, um meine Arbeit anzufangen, hatte ich Cer schon ganz vergessen, der nun all seine Notizen zusammengesammelt hatte, und nur mehr auf Freeman wartete. Dieser durfte es sich schließlich immer erlauben, später zu kommen. Er kam aber früher als erwartet, und Cer rannte gleich zu ihm, und flüsterte ihm die Neuigkeiten.
„Ok, alle herkommen , es gibt doch noch was von der Sonde. Cer bitte :“, sprach Freeman, und übergab das Wort Cer. Dieser begann seine Rede, und ich hörte im Halbschlaf zu...
„...die Trümmer die wir nie beachteten folgten ihrerseits einer eigenen Rotationsdynamik. Sie folgen einem Muster. Es lassen sich Kräfteansätze in verschiedenen Gebieten also ausmachen, und somit eine Topographie der Kraftfelder erstellen. Verglichen mit den Werten der ersten Sonde, die auf einer anderen Bahn zum Phänomen flog, kann dies Ganze zu einem 3-dimensionalem Modell der Kräfte umgewandelt werden. Dies habe ich gestern ebenfalls gemacht. Dies ergibt ein Modell von ineinandergehenden Wirbeln – einem komplexen Kräftegebilde. Dieses Gebilde erschließt zumindest die Intervalle des Flackerns, wenn auch nicht den Grund des Flackerns.“, sagte Cer.
„Sehr gut , Cer – wenigstens hatten unsere Sonden einen Sinn, auch wenn für diese Erkenntnis auch Schrott genügt hätte“, sagte Freeman lobend zu Cer, der daraufhin eine dankbare Bückhaltung einnahm.
„Captain Tail hat ausserdem nach Mehrheitsbeschluß nun unternommen, uns 15 Millionen Kilometer nah ans Phänomen zu bringen. Dies wird er sehr langsam tun. Übermorgen wird der Zeitanomalie-Sensor in Betrieb genommen, obwohl ich nun finde, daß das wohl überflüssig sein wird, wo wir nun wissen, daß es sich um Kraftwirbel handelt.“, sagte Freeman.
„Das ist nicht ganz korrekt“, fügte Cer hinzu, und sprach weiter : „...wir können fast sicher davon ausgehen, daß es eine Raumverzerrung ist. Unterschiedliche Gebiete von Verzerrungen, rufen diese Krafterscheinung hervor. Durch diese Energieunterschiede entstehen die Kräfte. Newtonsche Kräfte sind Raumabhängig.“
„...und zeitabhängig“, sagte Steve, mit einer ziemlich ekelhaft unterwürfigen Geste zu Freeman.
„Ach, ihr Menschen wißt also noch nicht von zeitunbedingten Raumanomalien ?“, sagte Cer, mit einer spottenden Geste, obwohl wir mittlerweile wußten, daß diese Körperhaltung nicht spottend gemeint war. Cer sah sich in der Runde um, wo dies keinen guten Anklang gefunden hatte, und räumte ein : „...verzeiht, es kann natürlich auch sein, daß es raum- und zeitabhängig ist.“
„Das werden wir herausfinden, wenn der Zeitanomalie-Sensor eingeschaltet ist.“, sagte Freeman. Cer nickte daraufhin zustimmend.
Der Tag verging also ganz im Sinne von Cer. Er stellte seine Modellrechnungen vom vergangenen Tag vor, klärte über seinen Gedankengang auf, und erläuterte seine Ideen. Jeder im Raum war an sich interessiert, aber nicht so interessiert, wie Cer es erhoffte. Aber was erwartete er schließlich ? Zu oft, dachten wir schon : „Das ist es !“, und wurden dann doch eines Besseren belehrt. Und ich wollte es nicht sagen, aber die Raumzeit-Anomalie-These war ja eine der ersten Annahmen, die wir in den Papierkorb schmeißen mußten. Keine Hawking-Strahlung, keine Masse, keine Gravitation, keine Dopplereffekte. All dies hätte ich wieder sagen können, aber es war gut, daß wieder ein bißchen Stimmung bei uns war. Das alle sich der Illusion der Hoffnung wieder hingaben. Und Cer konnte seine Eingebildetheiten ausleben. Er genoß es geradezu, im Mittelpunkt zu stehen, und das Gefühl zu bekommen, etwas geleistet zu haben für ein großes Projekt. Typisch insektoides Denken halt.
Die gute Laune wollte ich aber nutzen. Ich bereute, daß ich Jane nicht näher gekommen war gestern. Ihr fehlte was, und sie ging am Ende nur wortlos weg. Als hätte ich ihr das nicht geben können, wonach sie hoffte. Vielleicht konnte ich das auch nicht, aber ich wollte ihr nun sagen, daß es nicht meine Absicht war. Vielleicht würde sie das ja verstehen. Kurz vor Dienstschluß blickte ich kurz lächelnd zu Jane rüber, in einer Art welche verraten sollte, daß ich mit ihr sprechen will. Die Bar war dafür aber zweifelsohne, nicht geeignet. Als wir beide den Raum verließen, sprach ich also : „Jane, hast du was dagegen, wenn ich dich in meinem Quartier einladen würde ? Wenn Hub dich stört, dann...“ – „Nein, das passt schon...“, unterbrach sie mich, und folgte mir. Das gab mir etwas Denkpause, bis zum Quartier. Ich versuchte mich also zu sammeln in der Zeit. Als wir bei meinem Quartier ankamen, war Hub nicht da. Das war die gute Nachricht. Die Schlechte war, daß ich noch immer nicht wußte, wie ich anfangen sollte. Ich blickte zu ihren goldbraunen, nach hinten gebundenen Haaren, die offen wohl schulterlang gewesen wären. Ein paar Strähnen zierten ihr Gesicht, welches im kaltweißen Licht etwas fahl wirkte. Ich schaute überall hin, nur nicht in ihre Augen. Verdammt, das war ein schlechtes Zeichen.
„Willst du ein Synth ?“ , fragte ich.
„Nein, ich mag kein Bier, schon lang nicht mehr – Wasser oder ‚ne Limo geht auch.“, sagte sie mit einer kindlichen Art. Dabei setzte sie sich auf mein Bett, und beugte sich vor, um sich an Hub’s Bett nicht anzustoßen. Sie wirkte anders hier. Vielleicht, weil es das erste Mal war, daß ich mich privat mit ihr traf, und Stille war. Absolute Stille. Ich hörte ihren kleinen Atem. Das rascheln ihrer Uniform, wenn sie sich bewegte. Ich gab ihr die Limo, in einem beschämend schmutzigen Glas, was sie aber nicht störte. Wohl weil sie schon an Gorms Bar gewohnt war. Ich setzte mich zu ihr, blickte in ihre wunderschönen erwartungsvollen Augen, und blieb länger stumm, als ich wollte...
Obwohl ich ein privateres Gespräch wollte, verlief es sich in Tratsch und Klatsch. In Witze-reißen über Hub und Gorm, im Zeigen meiner alten Fotos. Mir kams vor, ich veranstaltete einen Weiberklatsch, und war froh, daß Hub nicht dabei war. Ihr schien es aber zu gefallen. Sie schien interessanterweise die Nähe dadurch zu bekommen die sie wollte. Unabsichtlich plapperte ich dabei die Frage aus : „Hast du hier keine Freundinnen ?“, worauf sie zu lachen begann. Ich staunte darüber, weil ich die Frage eigentlich ernst meinte. Dann aber sagte sie : „ Was denkst du, daß wir auf einem Beautyfarm-Schiff sind ? Hey, wir sind auf einem Forschungsschiff .Das heißt : 10 Männer und drei Frauen ! Ausserdem sind sie ätzend. Sie jammern nur rum. Männer fluchen, das ist lustiger.“. Daraufhin mußt ich auch kurz lachen, und ich stimmte ihr zu. Sie hatte recht. Auf A5 war sie die einzige Frau. Und in anderen Forschungsräumen sah es nicht besser aus. In Kommando-Abteilen gabs mehr Frauen, weiß auch nicht warum. Die dort dachten wohl, das sei spannender. Wieso Jane jedoch gerade mit mir gerner zusammen war, als mit anderen Männern, wußt ich nicht. Es gab jüngere Männer als ich, es gab schönere, angesehenere, talentiertere, klügere, usw.. Ich könnte die Liste wohl ewig fortführen. Und ich meinte das nicht nur aus Pessimismus. Nein, es war klar : die besten Jahre hatte ich hinter mir. Sie Mitte Zwanziger, ich Mitte Vierziger. Nun gut, 43, dennoch alt genug, um ihr Vater zu sein. Sie hatte sicher noch eine große Karriere vor sich. Sie hatte auch den Ehrgeiz dazu. Ich aber durfte mich nicht blicken lassen vorm Forschungskomitee, solange ich nicht 1500 Verdienstpunkte vorzuweisen hätte. Und seit dem Unglück mit dem Teleskop war ich gerade mal bei der Hälfte heute. Das heißt, ich dürfte schon weit über 50 sein, bis ich soviel Punkte erreiche. Scheiß System. Egal. Die Nacht war schön. Schön und ruhig. Je später es wurde, desto weniger sprachen wir. Desto länger schauten wir uns an. Niemand von uns beiden traute sich wohl die wichtigen Worte in dem Augenblick zu sagen. Sie fühlte es aber, das mich am wenigsten meine Schüchternheit abhielt. Denn darüber war ich schon hinweg. Sie fühlte, das eine ganz andere Kraft im Spiel war. Kurz nach 23 Uhr, mußte sie gehen. Ich verstand das. Unwillkürlich griff ich nach ihrer Hand, als sie aufstand. Als wollte ich ihr was sagen. Als wollte ich sagen, daß wir das alles vergessen sollen, uns einfach ein Transportschiff nehmen sollen, und wegfliegen. Jetzt sofort ! Aber dann brach dieser Traum zusammen.Ich schaute sie nur hilflos an. Wohl schien es ihr so, als ob ich in dem Augenblick mehr sein wollte, als ich war. Sie aber lächelte mich warm an, beugte sich zu mir hin, während ich ihren warmen Atem ins Gesicht bekam, und gab mir einen Kuß auf die Wange. Ich ließ ihre Hand los, und verabschiedete mich von ihr. Das übliche halt : „Schlaf gut, und bis morgen.“. Sie antwortete mit einem etwas automatisch klingendem: „Ebenfalls.“, und schloß die Tür hinter sich. Ich legte mich kurz darauf schlafen. Nicht ohne an sie noch gedacht zu haben. Am besten wäre es aber wohl gewesen, wenn ich sie vergessen hätte. Ich richtete meinen Blick zum Fenster in die schwarze Leere. „Hilf mir, zu vergessen.“, sagte ich zur Schwärze, und fiel kurz darauf in den Schlaf.

„Neuigkeiten, Neuigkeiten...“, sagte Freeman, als er zur Tür reinkam. So wichtig waren sie wohl nicht, weil er nicht alle zusammenrief, sondern einfach in den Raum redete, und wer ihn hörte , hörte ihn, und wer nicht, nicht.
„Wir werden heute Nachmittag die Triebwerke starten, und näher ranfliegen. Mehrheitsbeschluß von allen Abteilungsleitern und Offizieren.“, sagte Freeman begeistert. Demnach hatte er wohl dafür gestimmt, näher an das blaue Flackern zu fliegen. Typisch Freeman. Der wollte sicher noch eine Null dazu, zu seinen Verdienstpunkten. Schließlich wäre er wesentlich beteiligt an der Inbetriebnahme dieses Zeitanomalie-Dingsbums. Mir wars egal. Ob ich hier meinen scheiß Job mache oder woanders. Zugegeben, langweilig sollte es nicht werden, aber ob nun näher fliegen oder nicht, würde an unserer Lage wohl auch nichts ändern. Das war meine Meinung. Egal, wenigstens hatte Freeman gute Laune. Und morgen dürfte er ja auch endlich seinen heißgeliebten Sensor einschalten. Das bedeutet wenigstens ein ruhiges Wochenende. Jane schien heute auch gut gelaunt zu sein. Wohl wollte sie mir zeigen, wie sehr ihr es gestern gefallen hatte. Ich dankte ihr dafür jedesmal mit einem kurzem unauffälligem Lächeln. Ich hätte sie gerne auch nach Dienstschluß wieder getroffen, aber sie hatte da irgendwas zu tun. Irgendwas mit der Verwaltung. Keine Ahnung. Also verkrümmelte ich mich nach einem langweiligen Tag von Datenauswertungen unserer Sensoren. Ich legte mich hin. Ich war wieder alleine. Hub war zum Glück selten in seinem Quartier. Plötzlich fühlte ich einen kleinen Ruck. Wie ein dumpfer Schlag, gefolgt von einem fernen tiefem Rauschen. Es war klar, daß Jack wohl den Befehl gab, näher ranzufliegen. Wir würden sicher nicht vor Übermorgen an unserem Zielpunkt ankommen. Jack war zwar ungeduldig und ehrgeizig, aber innerhalb dieser schlechten Eigenschaften auch sehr vorsichtig. Ich erinnere mich, als er mich einmal zur Weltraumakademie durch den Asteroidengürtel flog. Er machte es schnell, und wie ein Wilder. Erst später erfuhr ich, daß er die ungefährlichste Strecke gewählt hatte. Er war kein Draufgänger also, aber er erschien leicht so. Wahrscheinlich auch seinen Offizieren. Plötzlich erfüllte ein Zischen den Raum. Es war Hub.
„Komm, gehen wir einen Trinken, und hau’n wir uns unter die Weiber !“, sagte er, während er mit seiner glitschigen Hand nach mir griff.
„Ach, was solls, ok !“, sagte ich. Mir fiel sowieso nichts besseres ein. Immerhin war es leichter, sich mit Hub zu unterhalten, als mit irgendeinem anderen auf dem Schiff, den ich kannte. Er war unkompliziert, und das mochte ich an ihm. Keine tiefen Gefühle, die es zu hegen galt.
Ich verlor zum Glück nicht allzuoft beim Saufspiel, und so konnte ich mich noch torkelnd, an Hub, der irgendein trilarianisches Liedchen trällerte, stützen. Benommen vom Suff und mit Tunnelblick, erreichten wir unser Quartier und lachten über die anderen rum. Bei so Fortgängen waren wir ein gutes Team. Es gab einen, der verlor so oft, daß er sich zu den Vierfüssler zurückentwickelte. Wie der es wohl geschafft hat, in sein Quartier zu kommen. Vermutlich pennte er grad auf einem Gang , in der Nähe von Gorms Bar. Bis in einer der Sicherheit aufweckt, ihm eine Bevormundung gibt, und ihn in sein Quartier schleppt. Mit einer nachfolgenden Strafe natürlich. Die Gesetze waren schließlich auch soweit draussen im Nichts vorhanden. Eigenartig, wie loyal Menschen ihren Unterwerfern sein können.

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