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Enigma (Seite 6)
Epilog
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Epilog
Raum jenseits des Raums, Zeit jenseits der Zeit.
"Sie kommen also?" fragte das schwächliche Gebilde aus Fleisch und Stahl.
"Sie kommen," bestätigte Mystic X.
Die in eine lange, schwarze Kutte gehüllte Legende saß an einem kleinen Tisch und aß. Affenfleisch von Wirius III, olakysche Heuschrecken in schwarzer Tunke, gefülltes Chamäleon mit Quallenkompott. Mystic X ließ sich Zeit.
"Wir sind vorbereitet," sagte das halbrobotische Wesen im Holoprojektor mit der Karikatur eines Lächelns. Dann verschwand es, als sei es niemals da gewesen.
Mystic X richtete seine rotglühenden Augen in eine andere Richtung. Dort, den Korridor hinunter, standen psilonischer und klackonischer Imperator nebeneinander vor dem Aussichtsfenster. Natürlich war auch der Korridor nur ein Hologramm, aber das war Mystic X gleich. Er runzelte verständnislos die Stirn; schwarze Mesomorphenmaterie bildete krause Wellen.
Er hatte die beiden lange beobachtet und wurde nicht recht schlau aus ihnen. Freilich, in Swanniss’ Bewusstsein war einfach zu lesen; er war Klackonier; er war dumm. Dumme Wesen hatten keine natürlichen Schutzbarrieren gegen Telepathen, wie Mystic X einer war (wenn auch ein verhältnismäßig schwacher; seine eigentlichen Fähigkeiten lagen auf anderen Gebieten).
Für Mystic X war die Dummheit der Klackonier Vorteil wie Nachteil. Ein Vorteil deswegen, weil er unbemerkt und problemlos in ihre Gehirne einbrechen und ihre Gedanken lesen konnte. Ein Nachteil deswegen, weil sie aufgrund ihres verbohrten Gruppenbewusstseins ihre Pläne dauernd änderten. Sie blieben nie bei einer beschlossenen Sache, passten immer alles neu der Situation an. Abstoßend. Man konnte einfach nicht mit ihnen kalkulieren. Das machte sie schwer angreifbar. Die Macht der Telepathen war ausgerechnet den telepathisch ungeschütztesten Wesen gegenüber nutzlos. Bei den Psiloniern war es umgekehrt; sie waren dafür berüchtigt, über lange Zeiträume komplexe Pläne aufzustellen, doch die dazu benötigte heuristisch/algorithmische Intelligenz machte es für Telepathen zur Sisyphusarbeit, den vielschichtigen Gedankengängen zu folgen.
Und was Te Ave anging – ihn telepathisch zu sondieren, wagte Mystic X sowieso nicht. Te Ave schien selbst telepathisch veranlagt zu sein, sonst hätte er niemals eine so enge Beziehung zu einem Klackonier eingehen können.
Mystic X schnaubte verächtlich. Beziehung mit einem Klackonier. Widerlich. Er nahm noch eine Gabel Quallenkompott.
Ein einziges Mal war es geschehen – damals, bei der Bodenschlacht um Tauri I; die telepathische Gouverneurin Cassandra war auf einen ebenfalls telepathischen Meklargeneral getroffen, und sie hatten einander gegenseitig zu sondieren versucht. Einer drang ins Bewusstsein des anderen und las dort, dass der las, dass er im Bewusstsein des anderen las, dass der in seinem Bewusstsein las und so weiter... und das bei maximaler Konzentration und Neurokinetik. Im Bruchteil einer Sekunde hatten sie sich in dieser mentalen Endlosschleife verfangen, dadurch ein unkontrollierbares Dauerfeuern ihrer Neurone ausgelöst und nur Momente später gegenseitig die Gehirne gesprengt. Seitdem wagte kein Telepath mehr, seine Fähigkeiten einzusetzen, wenn er wusste, dass irgendwo auf der Gegenseite ein anderer Telepath unterwegs war. Im Gegenteil, er musste sich bemühen, dass seine Fähigkeit nicht unterbewusst arbeitete, etwa im Schlaf. Ein unbewusster telepathischer Kontakt, der andere Telepath reagiert, um die Quelle zu sondieren, und zack! Endlosschleife. Wenn man es fühlt, ist es zu spät.
Die Elerianer hatten ja immer geprahlt mit ihrer Gabe. Im Krieg gegen die Meklar hatte sich dann gezeigt, dass Telepathie nicht alles war. Ein perfekter Agent musste schon mehr als Gedanken lesen können.
Er – Mystic X – wusste von sich, dass er der perfekte Agent war. Er war vor langer Zeit in einem darlokschen Freudenhaus gezeugt worden, und zwar von einem fahrenden elerianischen Mystiker. Von seiner Mutter hatte er die Fähigkeit zum Gestaltwandeln erhalten, von seinem Vater die Gabe der Telepathie. Indem er von beidem Gebrauch gemacht hatte, hatte er sich durch Intrigen und Verrat zum planetaren Gouverneur aufschwingen können, ehe die Meklar das Elerianer-Imperium unterwarfen und es durch Knebelverträge an sich banden. Mystic X hatte die Seiten gewechselt und war nun der wohl höchstbezahlte Agent im Universum. Sie hatten ihn mit allerlei kybernetischem Hokuspokus ausgeschickt, die Darlok, ein Volk von Spionen mit sehr mächtiger Militärmaschinerie, zu schwächen, solange sie selbst noch mit den Elerianern beschäftigt waren. Eine großartige Aufgabe, und Mystic X war sie mit der gebührenden Genialität angegangen.
Er hatte sich bei den Darlok eingeschlichen und herausgefunden, dass sie nichts von der Existenz der Meklar ahnten, die hinter den Grenzen des Elerianergebiets lauerten. Wohl aber ahnten die Darlok von der Existenz der Psilonier und Klackonier, in deren Gebiet sie Erkundungsflüge unternahmen und die sie gegeneinander aufhetzten, um dadurch an Macht zu gewinnen. Mystic X war weitergereist ins Gebiet der Psilonier und hatte dafür gesorgt, dass sich die beiden Völker nicht gegenseitig vernichteten. Stattdessen hatte er durch den Tod des Darlok-Spitzels (den Ausfall seines Personenschutzschilds verdankte er Mystic X’ kybernetischer Ausrüstung) eine Allianz vorangetrieben, die nun im Knospen begriffen zu sein schien, so, wie er Te Ave und Swanniss vorbehaltlos beieinander stehen sah. Gut für die Meklar. Denn der aufgestaute Hass der beiden Völker gegen die Darlok, die durch ihr Aufhetzen so viel Leid unter ihnen verbreitet hatten, würde das dunkle Volk der Gestaltwandler in die Knie zwingen. Innerlich rieb sich Mystic X die Hände. Eine Allianz von Psiloniern, den Technologen, und Klackoniern, den Produzenten, war nicht aufzuhalten. Mächtig waren die Darlok nur, solange niemand sie orten konnte. Jetzt waren sie entdeckt, und nichts konnte sie mehr retten.
Und wenn der Vorstoß der neuen Allianz erfolgreich war und sie ihre Flotten gegen die der Gestaltwandler aufgerieben hatten, würden die Meklar durch das Gebiet der Elerianer kommen und alle drei Seiten widerstandslos unter einer Fahne vereinen.
Cog Primus, der Imperator der Meklar, behauptete zwar, es ginge ihm um Frieden, die Meklar eroberten die anderen Völker nur, um verheerenden Kriegen in der Zukunft entgegenzuwirken, aber das war natürlich gelogen. Es ging ausschließlich um Macht. Obwohl Mystic X sich nicht vorstellen konnte, was die Meklar mit ihrer Macht anfangen sollten; sie interessierten sich weder für Affenfleisch, noch für gefülltes Chamäleon. Aber egal. Er bekam seinen Anteil. Genügend Macht, um neue kulinarische Genüsse bis ans Lebensende zu entdecken. Und dieses Lebensende lag noch weit in der Zukunft.
Um etwas Leichtes zwischendurch zu haben, nahm Mystic X sich jetzt eine Schale mit Blutschaumsoufflé. Kulinarische Genüsse, ja. Weit in der Zukunft, ja. Es gab wohl keine Rasse im Universum, die Mystic X so höhnisch belächelte, wie die Klackonier: Erstens kannten sie keinen Genuss, zweitens lebten sie nicht für sich selbst, sondern stets für die nächste Generation. Sie hatten keinen Stil. Planten nicht vorausschauend; höchstens auf die nächsten zwanzig Jahre hin. Ja, weiter als zwanzig Jahre reichte ihr temporaler Horizont unter keinen Umständen.
Und was Mystic X anging, fanden seine Pläne bei zwanzig Jahren erst ihren Anfang. Ein Horizont war bei ihm nicht abzusehen. Darlok und Elerianer war er bereits, durch die Technologie seiner Auftraggeber konnte er auch noch vollendeter Meklar werden, Körper und Geist perfektionieren. Auch hier war kein Horizont abzusehen.
Und was seine Herren anging – in welchen zeitlichen (und räumlichen!) Dimensionen mochten sie denken? Kybernetische Organismen waren nahezu unsterblich. Was brauchte man denn noch, wenn man schon das ewige Leben hatte? War es die Gier nach mehr, die jedes denkende Wesen zu treiben schien?
Mystic X dachte daran, wie weit er bereits gekommen war auf dem Weg zur Erfüllung seiner Träume. Bei jeder machtpolitischen Verschiebung saß er nun an der Quelle. Der komplizierte Plan würde aufgehen, wie eine Dominokette würden sie an die Meklar fallen – erst die Psilonier, dann die Klackonier, dann die Darlok, dann die Elerianer, Wechselwirkung jagt Wechselwirkung, Rückkopplung Rückkopplung. Eine Intrige war in die nächste verschachtelt.
Der Gedanke machte ihm Angst.
Was, wenn es bei den Meklar nicht endete? Wenn auch sie nur von einer weiteren grauen Eminenz zum Krieg gegen die anderen Völker gehetzt wurden, um von diesem Volk eingesackt zu werden? Der Gedanke gefiel Mystic X gar nicht. Man ging unter, wenn man nicht auf der Seite des Siegers stand. Wie sollte er dieses fremde Volk ausfindig machen und sich ihm anbiedern? Es gab ja Gerüchte von einer mächtigen sauroiden Lebensform, die etwas gegen Spione hatte. Gegen Spione! Mystic X wurde leichenblass.
Er warf lustlos den Löffel hin und wanderte zu seinem Wandschirm. Mithilfe modernster meklarischer Technologien konnte er von seinem versiegelten und abgeschirmten Quartier aus alle Bereiche des Kreuzers überblicken und hatte sogar ein holographisches Abbild seiner Selbst in seiner Kälteschlafkammer platziert, so dass niemandem sein Fehlen auffallen würde. Wenn Not am Manne war, konnte er sich per Transporter jederzeit zu einer in der Nähe liegenden Personenfähre flüchten (er war weder Klackoniern noch Psiloniern je aufgefallen, weil er statt primitiver darlokscher Technologie moderne Phasentarnung einsetzte). Durch Telepathie hatte er den Arzt Necine betrogen, der ihn per Neuroscanner bei einer Untersuchung beinahe als Gestaltwandler enttarnt hätte.
Oh, diese naiven Psilonier und Klackonier. An was für ein Universum glaubten die nur. An ein leeres. Ein, zwei Lebensformen. Dabei war es gerammelt voll mit Leben. Weiter im Zentrum der Galaxis war die Hölle los; die Meklar sammelten sich zum Angriff, primitivere und intelligentere Spezies schlugen und vertrugen sich. Das war die Welt der legendären Anführer; Diablo, Androgena, Kronos, Malovane, wie sie alle hießen. Das war die Welt der Fabelwesen und Zauberer, der epischen Schlachten, der Kriege um ganze Sonnensysteme, mit riesigen Monstern und Nebeln aus Licht. Sie selbst prügelten sich mit Neutronenblastern und Ionenkanonen; Waffen, mit denen man Schilde der größeren Imperien kaum ankratzen konnte; sie waren von Kreuzern beeindruckt; woanders flog man mit Todessternen. Psilonier und Klackonier lagen noch in ihren Kindheitsträumen, aber bald würden sie aufwachen müssen. Zur Realität durchbrechen.
Und wieder kam Mystic X dieser ekelhafte Gedanke. Was, wenn die Realität, die er kannte – das meklarische Imperium als Schmelztiegel unendlich vieler winziger und einiger großer Rassen – nicht die letzte war; was, wenn eine noch mächtigere und schreckenerregendere Realität – die Saurier – hinter seiner Realität lauerten? Und wenn man den alten Legenden Glauben schenken konnte, die Mystic X in den uralten psilonischen Archiven auf Mentar IV gelesen hatte, dann war es möglich, dass hinter den spionhassenden Sauriern noch eine schlimmere Nemesis lauerte: Antares, das Mysterium. Die Wesen in ihrem Raum/Zeit-Gefängnis, die nur darauf warteten, auszubrechen, und denen sich weder Gestaltwandler noch Telepath kriecherisch um Gnade winselnd nähern konnte, ohne zertreten zu werden.
Ich habe meinen Horizont erreicht, dachte Mystic X desillusioniert.
Admiral Dismila fegte wütend sein Tablett vom Tisch.
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