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#moo3planet

Enigma (Seite 4)

Das in sein Jadearmband eingearbeitete Funkgerät piepte laut. Te Ave hob die Hand und drückte auf einen Knopf. "Was gibt es?"
"Majestät, dringender Bericht von einer unserer Korvetten," kam die Antwort aus dem Funkgerät. "Die Patrouille hat ein kleines Schiff von nicht-klackonischer Bauart aufgebracht, das keins unserer Erkennungszeichen funkt."
"Ein Schiff?" fragte Te Ave mit einem besorgten Seitenblick auf Swanniss, der, ebenfalls alarmiert, näher kam. "Starten Sie die Triebwerke."

"Da vorne ist es," rief Ajovis und zeigte auf den Sichtbildschirm, wo ein winziger Punkt in die Ferne strebte.
"Lass es nicht entkommen," erwiderte Te Ave. "Maximale Vergrößerung." Der Bildausschnitt zoomte heran, und es wurde ein kapselförmiges Gebilde sichtbar, kaum größer als Te Aves Fähre. "Gehört das zu Ihnen?" fragte er Swanniss.
"Nein. Wir konstruieren keine Schiffe dieser Bauart."
"Es beschleunigt, Euer Majestät," rief Ajovis, "geht auf Lichtgeschwindigkeit!"
Te Ave ließ sich in seinen Sessel sinken. "Dann nichts wie hinterher."
"Das Schiff scheint einen Phasenantrieb zu besitzen. Es ist zu schnell für unsere Korvetten."
"Aber diese Fähre und der klackonische Kreuzer haben Phasenantriebe. Dann verfolgen wir sie eben alleine."
Swanniss gab seinem Offizier einige Anweisungen, die dieser an den Kreuzer weiterschickte, dann beschleunigten die beiden ungleichen Schiffe im selben Moment auf Überlichtgeschwindigkeit und jagten dem Eindringling hinterher.
"Position des fremden Schiffes?" fragte Te Ave knapp.
"Unbekannt. Es erscheint nicht auf unseren Peilschirmen."
Die Fähre und der klackonische Kreuzer schossen auf irrwitzigen Wegen durch ihren Hyperraumtunnel.
"Da!" rief Dismila, der die schärfsten Augen hatte, "da ist es!"
Te Ave erhob sich und trat nahe an den Schirm heran. "Tatsächlich! – Kurskorrektur! Bleiben Sie direkt hinter ihm."
"Das fremde Schiff ist immer noch nicht auf unseren Peilschirmen zu sehen," erklärte Ajovis verwirrt, "obwohl wir Blickkontakt haben."
"Eine Tarnvorrichtung," nickte Te Ave. "Wir experimentieren zur Zeit auch mit solchen Technologien."
Die beiden Schiffe setzten sich hinter den Verfolger und ließen sich nicht abschütteln.
Temperis trat vor. "Majestät, dieses fremde Schiff ist eindeutig im Vorteil. Es hat einen genauso schnellen Antrieb wie wir, aber da wir direkt hinter ihm fliegen, bekommen wir alle Hyperraumturbulenzen ab, die ihr Antrieb zurücklässt. Das bremst uns. Früher oder später werden wir es verlieren."
"Dann schießen wir es eben zu Klump," erwiderte Te Ave mit einem grimmigen Lächeln.
Swanniss schüttelte den Kopf. "Auf diese Entfernung ist ein Treffer unwahrscheinlich. Der Gegner fliegt zu viele Ausweichmanöver. Sparen Sie Ihre Energie."
Te Ave dachte nach. "Wir sind zu weit entfernt, um es in einem Stasisfeld gefangen zu nehmen."
"Da können wir Ihnen aushelfen." Swanniss wandte Chinŝe nur kurz den Kopf zu, und der übermittelte augenblicklich eine Nachricht an den Kreuzer. Im nächsten Moment stoppte das fremde Schiff seine Kapriolen. Zufrieden drehte Swanniss sich wieder Te Ave zu. "Das gegnerische Schiff ist jetzt mit einem Traktorstrahl gefesselt. Aber es ist zu weit entfernt, um es heranziehen zu können. Und treffen können wir aus dieser Entfernung auch noch nicht."
"Sie setzen noch elektronische Computer ein, was?" lachte Dismila. Er regelte auf dem Waffenpult einige Systeme. "Ionenkanonen bereit, Majestät."
"Feuer."
Nur ein schwaches Aufglühen in der Ferne zeugte davon, dass die Geschütze getroffen hatten. Der im Traktorstrahl gefangene Gegner flog unbeirrt weiter.
Te Ave unterdrückte einen Fluch.
"Der gegnerische Schutzschild scheint stärker zu sein als alles, womit wir bislang konfrontiert waren." Dismila schüttelte den Kopf.
"Beeindruckend," ließ sich Swanniss vernehmen. Er überlegte kurz. "Passen Sie auf. Wenn wir die Steuerung der Geschütze meines Kreuzers Ihrem modernen Computer anvertrauen, können wir unsere Waffen direkt nacheinander abfeuern. Die Neutronengeschütze durchschlagen den Schild, und Ihre Ionenkanonen die internen Systeme."
Te Ave wandte sich an Dismila. "Machen Sie’s so. Stellen Sie eine Verbindung mit den Schwerlafetten an Bord des Kreuzers her und synchronisieren Sie unsere Geschütze."
"Alles bereit," antwortete Dismila nach wenigen Sekunden.
"Feuer."
Diesmal gab es zwei Blitze. Der erste zeugte vom Zusammenbruch der gegnerischen Schilde; mit einem kläglichen Flattern kollabierten die schweren Kraftfelder. Der zweite, direkt hinterher folgende, zuckte über die Oberfläche des Raumschiffes und drang in die Struktur ein. Die fremde Korvette bekam Schlagseite.
"Wir scheinen das Antriebssystem getroffen zu haben," meldete Dismila.
"Die Tarnung bricht zusammen. Wir haben sie jetzt auf unseren Peilschirmen."
"Sehr gut," lobte Te Ave mit einem dämonischen Lächeln. "Dann schlage ich vor, wir nehmen unseren Gast ins Schlepptau zurück nach Hurrhurst und statten ihm währenddessen einen kleinen Besuch ab."

"Das ist keine klackonische Architektur," hatte Swanniss festgestellt.
Sie marschierten einsam durch einen dunklen Korridor. Te Ave war mit Dismila, Ajovis und Temperis sowie einem Dutzend weiterer Soldaten angerückt, Swanniss hatte sich auf Chinŝe und fünf seiner Offiziere beschränkt, mit denen er gelegentlich wortlos kommunizierte. Die Gedanken schienen ihnen alleine durch ihre Körperhaltung zuzufliegen. Te Ave war fasziniert von diesem Zusammenspiel, das so wenig brauchte, um zu funktionieren.
Das fremde Schiff hatte sich als regelrechtes Labyrinth entpuppt – und als wenig einladend. Die Atmosphäre war sowohl für Psilonier, als auch für Klackonier atembar, aber selbst die Infrarotsicht der Klackonier versagte in der Dunkelheit dieser mal langgestreckten, mal eng verwinkelten Gänge. Trotzdem schien alles nach irgendwelchen symmetrischen Gesetzmäßigkeiten aufgebaut zu sein. Das Schiff war verwirrend, aber nicht wirr. Die klaustrophobische Enge tat ein Übriges, den Pionieren der Psilonier aufs Gemüt zu schlagen. Die Klackonier dagegen hatten keine Scheu. Sie marschierten gleichmütig voran.
"Diese Waffe da," fragte Dismila einen klackonischen Offizier namens Kchyrnǽ, "das ist doch ein Laser, nicht wahr?"
Jeder Klackonier trug in seinen vier Armen eines dieser riesigen Geschütze, gegen die sich die moderneren Fusionsgewehre der Psilonier wie Streichhölzer ausnahmen. Der Offizier bejahte und wandte sich wieder dem Weg zu.
"Sie wiegt doch sicherlich um die fünfhundertdreiundvierzig Kilogramm," fuhr Dismila fort. Kchyrnǽ blickte ihn überrascht an.
"Fünfhundertvierundvierzig," ertönte seine knarzende Stimme. "Wenn wir auf einen Gegner treffen, haltet euch im Hintergrund. Wir werden ihn eher besiegen als ihr."
Dismila verbeugte sich spöttisch und konzentrierte sich wieder auf seine taktischen Berechnungen.
"Halt!" befahl Swanniss plötzlich. Der ganze Trupp blieb wie angewurzelt stehen. Der klackonische Anführer wandte sich Te Ave zu und deutete auf die nächste Biegung des Korridors. "Von dort hinten empfange ich wieder Infrarotstrahlung."
Te Ave blickte skeptisch auf die Biegung. Sie war ideal für einen Hinterhalt.
"Lassen wir Vorsicht walten," formulierte er die Devise. Langsam, die Waffen im Anschlag, schlichen die beiden auf die Ecke zu; der Trupp folgte ihnen.
Swanniss legte einen mustergültigen Sprung hin, als er sich direkt in die Gefahrenzone warf und gleich darauf die Waffe wieder senkte. "Alles in Ordnung. Keine Gefahr."
Der Korridor machte an dieser Stelle eine Haarnadelkurve. Die Infrarotstrahlung erklärte sich schlicht dadurch, dass der Korridor kurz darauf endete und in einer Art Vorhalle mündete, die von Licht geradezu durchflutet war. Erfreut, das quälende Dunkel endlich verlassen zu können, betrat der Trupp die Halle.
Ein gurgelndes Kreischen ertönte, als die Oberseite des Schädels eines klackonischen Offiziers auseinandergesprengt wurde und sich gelber Schleim über dem Chitinpanzer ausbreitete. Hinter dem getroffenen Klackonier sprang Temperis hervor und richtete seine Waffe auf den Kopf des nächsten Klackoniers. Noch ehe er sie ganz gehoben hatte, traf ihn ein schwerer Laser in die Seite. Der Strahl war so kohärent, dass er einen Rückstoß verursachte und Temperis im hohen Bogen durch die Luft schleuderte. Mit einem Krachen schlug er an einer strahlendweißen Wand auf, rutschte herunter und blieb, in sich zusammengesunken, liegen.
Te Ave entfuhr ein Schrei, und er stürzte auf seinen Freund zu, doch eine klackonische Waffe versperrte ihm den Weg. Psilons und Klackonier erstarrten, die Waffen gegeneinander erhoben.
"Erklären Sie das," sagte Swanniss, dessen Lauf auf Te Aves Kopf gerichtet war. Dieser konnte sich nur wundern, warum die Klackonier nicht schon längst abgedrückt hatten.
"Ich habe keine Erklärung."
Dismila und Ajovis sahen einander befremdet an. Sie verstanden die Situation ebenso wenig wie Te Ave. Rücken an Rücken stehend, versuchten sie, den Imperator zu decken und schienen im Falle eines Feuergefechtes für ihn sterben zu wollen.
"Mein Wort darauf, dass ich für die Sache keine Erklärung habe."
"Was hat ein Wort damit zu tun?" fragte Swanniss verwirrt. Sein Griff um die Waffe wurde sicherer.
"Ehrenwort. Versprechen. Zusicherung." Te Ave sprach hastig. "Es bezeichnet bei uns Abmachungen, die nicht gebrochen werden dürfen. Wenn ich Ihnen mein Wort gebe, so heißt das, dass es in jedem Fall so ist, wie ich sage."
"Was aber war der Sinn dieses Angriffs?" fragte Swanniss. "Was für einen Vorteil erhoffte sich Ihr Freund?"
"Ich weiß es nicht, aber was immer er wollte, es hatte nichts mit uns zu tun."
Swanniss schien heftig zu überlegen, zwischen ihm und seinen Offizieren spielte sich ein Orchester von Spasmen ab. Dann senkte er ruckartig seine Waffe. "Dann ist die Frage nicht mehr wichtig, denn er wird sterben." Er wandte sich ab und ging weiter. Die anderen Klackonier, die gleichzeitig ihre Waffen gesenkt hatten, folgten ihm.
Te Ave raste zu Temperis hinüber und fiel vor ihm auf die Knie. Der Atem des Beraters ging in langsamen Schüben.
Es war für Te Ave einfach unfassbar. Was war geschehen? Hatte da nicht sein bester Freund einen erneuten Ausbruch des Krieges provoziert – der diesmal nicht so leicht hätte beendet werden können – und dafür auch noch sein Leben aufs Spiel gesetzt? Und verloren?
Das Gesicht Temperis’ zitterte stark. Schwarze Äderchen schienen hervorzutreten. Aus angespannten Augen blickte er zu Te Ave auf, der nun nach Temperis’ Toga griff und sie von oben bis unten aufriss. In der Bauchgegend war der Körper durchschlagen worden und schmauchte. Aber das Blut, das floss, war nicht hellgrau, sondern rosig.
Te Ave blickte fassungslos in das Gesicht des Anderen.
"Was bist du?" flüsterte er.
Der Andere lächelte bitter. "Mein Imperator," stieß er ohne Ironie hervor und öffnete die Hände zum Salut, doch sie erschlafften.
Mit nie gefühlter Erschütterung wurde Te Ave Zeuge, wie sich das Gesicht Temperis’ auflöste und zu einer dunkel-bernsteinfarbenen, amorphen Masse wurde. Die Augen bildeten sich zurück und wurden winzig, das Psi-Auge auf der Stirn verschwand vollkommen. Auch das Fleisch am Rest des Körpers verlor seine Form. Was am Ende übrig blieb, ähnelte nur noch einem über ein Skelett gestülpten Kartoffelsack.
"Ein Mesomorph," hörte Te Ave es hinter sich. Es war Ajovis.
"Er ging wahrscheinlich davon aus, dass sein Personenschutzschild ihn vor dem Gegenschlag retten würde," fügte Dismila an, "und unterschätzte dabei die Durchschlagskraft der klackonischen Gewehre."
Te Ave berührte den Toten gedankenvoll an der Stirn. Welcher Rasse dieses Wesen auch angehört hatte, seine Todesqualen – die waren nicht gespielt gewesen.
Swanniss blickte sich verwirrt nach Te Ave um und befahl seinem Trupp, anzuhalten. Der Psilonier kniete vor dem fremden Wesen. Was machte er da? Swanniss war sich sicher, dass diese Kreatur nicht mehr am Leben war, also keinen praktischen Nutzen mehr hatte. Außerdem schien ihr Körperfettanteil unverhältnismäßig hoch zu sein, taugte also nicht einmal zum Verzehr. Was wollte der Psilonier dann dort noch?
"Es sieht fast so aus," murmelte Te Ave unheilvoll, "als hätten wir die ganze Zeit über einen dritten Mitspieler gehabt, der uns dazwischen funkte."
"Exakt," erwiderte Dismila nickend. "Und dieser Spielstein" – er deutete auf das, was einmal Temperis gewesen war – "dieser Spielstein hatte offensichtlich einen sehr, sehr viel höheren geheimen Wert, als wir alle angenommen hatten."
"Kommen Sie?" tönte Swanniss’ Stimme von weiter vorne. Als die Psilonier sich erhoben, sahen sie die Klackonier vor einem kleinen, doppelflügligen Portal. "Alle Computerbahnen und elektrischen Netze scheinen in dem Raum hinter diesem Tor zusammenzulaufen," erklärte Swanniss. "Ich denke, das ist unser Endziel."
Seine Trauer und Wirrnis hinunterschluckend, trat Te Ave mit seinen Leuten auf die Klackonier zu, die schon wieder gänzlich vergessen zu haben schienen, dass sie sich vor fünf Minuten beinahe gegenseitig an die Kehle gegangen wären.
Plötzlich stutzte Te Ave. Der Klackonier, dessen Kopf von Temperis durchschossen worden war, stand bei ihnen und – lebte!
"Strickleiternervensystem," flüsterte Dismila, der seinen Gedankengang erraten hatte. "Insekten haben ein Strickleiternervensystem mit Schlundganglien. Die Knotenpunkte ihres zentralen Nervensystems sind nicht im Kopf untergebracht. Wahrscheinlich wird der Klackonier überleben."
"Wenn wir wissen wollen, wer hier interferiert hat, werden wir es hinter dieser Tür wahrscheinlich erfahren," sagte Swanniss und winkte den Psiloniern, dass sie sich zu beiden Seiten an der Wand aufstellen sollten. Der klackonische Führer reihte sich mit seinen Leuten vor dem Portal auf und eröffnete das Feuer. Die Flügel brachen auseinander und gaben den Weg frei.
Es dauerte eine Minute, ehe die Klackonier sich aus dem Inneren des dahinterliegenden, düsteren Raumes meldeten. "Alles in Ordnung. Keine Gefahr."
Die Psilonier entspannten sich. Te Ave trat als erster in den Raum, um im nächsten Moment wieder draußen zu stehen und sich auf den farblosen Boden zu erbrechen.
Keine Gefahr, tatsächlich. Neben Te Ave erbrach sich nun auch Dismila, der zwar der kriegerisch Erfahrenste von ihnen allen war, aber nur, wenn es um Taktik und Truppenführung ging. Einen Raum voll Mesomorphen zu sehen, die mit Phasorgewehren um ihren Kommandoleitstand herum rituellen Selbstmord begangen hatten und nun ohne Kopf über den Boden verstreut lagen, während das Blut von den Wänden tropfte, konnte selbst einen gestandenen Mann wie ihn nur schockieren. Ein Klackonier dagegen nahm solche Details überhaupt nicht wahr, sie spielten in seinem Weltbild keine Rolle. Für sie war es ein leerer Raum gewesen. Ein Ding der Perspektive.

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