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#moo3planet

Enigma (Seite 3)

"Es ist mir ein Krksttrrusraus..." kam es durch den Übersetzungscomputer bei Swanniss an. Das Rauschen klang in seinen Ohren so schmerzhaft, dass er heftig den Kopf schüttelte und mit den Gliedmaßen abwehrende Bewegungen machte.
Te Ave unterbrach sich. Was war denn los? Ehre, kam ihm die Erleuchtung. Die Klackonier schienen kein Äquivalent zum Begriff Ehre zu haben.
"Ich sehe große Vorteile darin, dass Sie gekommen sind," formulierte er seinen nächsten Satz vorsichtiger, so dass kein eine Emotion beschreibender Begriff darin auftauchte. "Ich denke, eine direkte Kommunikation zwischen uns beiden ist sinnvoll." Wird er mich verachten, weil ich beide Sätze mit ‚ICH’ begonnen habe, oder wird ihm das gar nicht auffallen?
Der Klackonier bewegte die Mundwerkzeuge und ließ sie in verschiedenen Abständen klappern und summen. Aus dem Übersetzungscomputer drangen die Worte, zuerst abgehackt, dann immer klarer: "Es ist sinnvoll. Wir wollen besprechen, was als nächstes geschehen soll."
Te Aves vor Anspannung erstarrtes Gesicht zeigte eine Regung: Die Mundwinkel zuckten unmerklich. Der erste Schritt für ein gegenseitiges Verständnis war getan. Ob der Klackonier wohl das Wort ‚Dank’ kannte?
"Als Vertreter meines ganzen Volkes möchte ich Ihnen für die Unterstützung danken, die uns allen das Leben gerettet hat."
Swanniss überlegte. Die winzige Figur unter ihm hatte ein sehr seltenes Wort gebraucht – was meinte sie? Es gab im Schwarm gelegentlich Wesen, die sich durch besondere Leistungen hervortaten, so dass es dem Schwarm besser ging – das bezeichnete dieses Wort – aber was hatte das mit dem Psilonier zu tun? Swanniss dachte konzentriert nach. Natürlich, er hatte dem Psilonier geholfen, zu überleben, hatte also den psilonischen Schwarm – oder wie auch immer sie ihre Gemeinschaft nannten – unterstützt. Das war es also, was der Psilonier meinte: Er erkannte Swanniss’ Leistung für den psilonischen Schwarm an.
"Ich danke Ihnen auch für Ihre Leistung gegenüber dem klackonischen Schwarm," antwortete er schnell, um den Psilonier nicht zu beunruhigen. Die Hautfalten um den Mund des Psiloniers zogen sich langsam nach oben. War das eine Drohgebärde? Swanniss kreuzte unauffällig die Arme vor dem Thorax, um einen möglichen Angriff schnell abwehren zu können.
Te Ave runzelte die Stirn, als er das sah. War das eine Drohgebärde? Er musste schneller Vertrauen herstellen.
"Mein Name," sagte Te Ave, "ist Te Ave."
"Mein Name ist Swanniss," kam es augenblicklich zurück. Te Aves Kiefer klappte bis auf den Fußboden, aber der Klackonier wies bereits auf seinen Nebenmann. "Mein Leitkoordinator Chinŝe."
Sie haben Namen! dachte Te Ave bestürzt. Sie besitzen Individualität!
Was waren das nur für merkwürdige Verformungen am Kopf des Psiloniers? Swanniss war jetzt ernsthaft beunruhigt. Erst die Lippen und jetzt der gesamte Kieferknochen. Ob der Psilonier krank war? Oder ob seine Kauwerkzeuge einen Defekt hatten? Dieser Te Ave schien keine Säure im Mund zu haben. Wie sollte er dann Nahrung zu sich nehmen? Musste er künstlich am Leben erhalten werden?
"Wir wären daran interessiert, die Kampfhandlungen einzustellen," erklärte Te Ave langsam.
"Gut."
Diesmal schmetterte die Antwort Te Ave regelrecht nieder. In einer Art Halb-Ohnmacht fiel er auf seinen Sessel zurück und fasste sich an den Kopf. Gut?
"Ich werde sofort eine Nachricht abschicken," fuhr der Klackonier fort. "Sämtliche Flotten werden die Kampfhandlungen einstellen." Swanniss beäugte Te Ave argwöhnisch. Diese Kreatur hampelte ja geradezu herum. Energieverbrauch ohne jeden erkennbaren Sinn. Dennoch: Nicht zu übersehen, dass Psilonier eine raumfahrende Rasse darstellten, also: Es musste ein Grund für diese Unstimmigkeiten im Verhalten zu finden sein. Prinzipiell anderer und dennoch effizienter Aufbau der Gesellschaftsstruktur war wahrscheinlich.
Te Ave beugte sich verwirrt über seinen Schreibtisch und rang nach Worten.
"Sie geben die Kampfhandlungen einfach so auf? Ohne besonderen Grund?"
"Da Sie bereit sind, Sie auch einzustellen," klang es nunmehr völlig klar und beinahe simultan aus dem Übersetzungscomputer.
"Wir hatten niemals Interesse an irgendwelchen Kampfhandlungen," entgegnete Te Ave mit gerunzelter Stirn. Er betonte jedes Wort.
"Wir haben die Kampfhandlungen erst aufgenommen, nachdem Sie mehrere Kolonien auf den Monden des Systems Irkrktlltrst zerstört haben."
Te Ave wechselte einen überraschten Blick mit Ajovis. "Meint er Dandalo?"
"Wahrscheinlich meint er Tirstar," korrigierte Ajovis flüsternd. "Dort fand der erste Kontakt statt." Er blickte auf den Klackonier. "Dort haben sie unser Kolonieschiff zerstört."
"Wir haben niemals eine Ihrer Kolonien angegriffen," erwiderte Te Ave, indem er sich in seinem Sessel aufrichtete.
"Es kamen achtzehn Millionen Arbeiter ums Leben," kam die prompte Antwort von Swanniss, "woraufhin wir begannen, eine Flotte von Kampfschiffen aufzubauen, um die Bedrohung zu beenden. Da wir nun wissen, dass ihr wie wir kommunizieren könnt, wenn auch auf eine sehr eingeschränkte Weise, ist keine Bedrohung mehr gegeben."
"Einen Moment, einen Moment," unterbrach Te Ave Swanniss konsterniert. Sollte das heißen, dass die Klackonier ihre erste Kampfflotte in weniger als einem Monat aufgestellt hatten? Was für ein unglaubliches Arbeitspotential dahinterstehen musste! Was Te Ave aber weit mehr beunruhigte, waren die achtzehn Millionen tote Klackonier, denn das psilonische Kolonieschiff war nur von zwei Spähern begleitet worden. Hatten die Späher vor ihrer Zerstörung unbedachterweise die Kolonien der neu entdeckten Klackonier angegriffen? Wenn es so war, hätten diese beiden winzigen Schiffe mit ihren schwachen Ionenkanonen tatsächlich solche Verwüstungen auf den Kolonien der Klackonier hinterlassen können?
Swanniss wartete geduldig. Diese Psilonier schienen nicht die Intelligentesten zu sein; sie brauchten unheimlich lange, um einen Sachverhalt zu erfassen. Wie hatte dieses primitive Volk überhaupt den Weg in den Weltraum gefunden? Und was wollte es da? Ihre Schiffe und Kolonien waren praktisch unbemannt; die Gesamtbevölkerung hätte bequem auf einem einzigen Planeten untergebracht werden können. Ein so winziges Volk – was bezweckte es? Was führte es im Schilde?
"Ich hoffe, dass diese Kriegsangelegenheit uns vorerst nicht im Wege stehen wird," begann Te Ave vorsichtig wieder. "Vielleicht ist ja eine friedliche Koexistenz möglich." Er betonte das Wort ‚friedliche Koexistenz’ in der Hoffnung, die Klackonier begriffen seinen Inhalt. Die insektoide sprachliche Semantik schien sich von der der Psilonier in einigen grundlegenden Aspekten zu unterscheiden.
‚Friedliche Koexistenz,’ hatte der Psilonier gesagt. Er meinte natürlich, dass ihre beiden Schwärme ohne Kampfhandlungen leben sollten. Irrte Swanniss sich, oder schwang da bei Te Ave die Vorstellung mit, aus beiden Schwärmen könnte dereinst ein einziger entstehen? Eine abstruse Vorstellung, aber nicht dumm. Langsam bekam Swanniss ein Bild von der völlig anderen Denkweise dieser interessanten Spezies. Sie schienen aus lauter Individuen zu bestehen, die sich um ihren Schwarm kaum kümmerten. Das Gebilde ihrer Gesellschaft blieb dennoch stabil, da jedes ihrer Individuen zum Erreichen seiner eigenen Ziele die Unterstützung der anderen Individuen in Anspruch nahm. Sehr fremde Struktur, und offensichtlich weniger effizient als die des klackonischen Schwarms; aber sie schien ihre Vorteile zu haben.
"Vielleicht," antwortete Swanniss; es war ihm eigentlich sehr fremd, sich nicht genau festlegen zu können.
Der Psilonier neigte den Kopf zur Seite. "Unser Antriebssystem hat bei der Rettung vor dem schwarzen Loch – der Quantensingularität – massiven Schaden genommen. Ich würde mich freuen, wenn Sie unsere Techniker bei der Reparatur unterstützen könnten, da Ihre Antriebstechnologie der unsrigen offensichtlich weit überlegen ist."
Da war es wieder, das Prinzip der gegenseitigen Unterstützung, das Swanniss bei den Psiloniern beobachtet hatte. Gegenseitige Unterstützung schien bei den Psiloniern künstlich hervorgerufen zu werden, statt angeboren zu sein. Wurde sie gewährt, verstärkte das die Bindung zwischen zwei psilonischen Individuen, und das war offensichtlich der Grund für – jetzt begriff Swanniss die Bedeutung dieses Wortes endlich – ‚Freude’. ‚Ich würde mich freuen,’ hatte dieser Te Ave gesagt. Wenn es also ‚freuen’ für gewährte Unterstützung gab (was das Verhältnis zwischen Individuen verbesserte), dann gab es wohl auch einen Begriff für nicht gewährte Unterstützung (was das Verhältnis zwischen Individuen wohl verschlechterte). Da Swanniss daran gelegen war, das Verhältnis mit dem psilonischen Individuum Te Ave zu verbessern, bewegte er den Kopf in Richtung seines Begleiters, der sofort verstand und den Raum verließ.
"Zeigen Sie ihm Ihr Antriebssystem," erklärte Swanniss, "und er wird die entsprechenden Modifikationen in kürzester Zeit vornehmen."
Die unerhörte Freude, die Te Ave in diesem Moment überkam, war unbeschreiblich. Sein Gesicht gewann an Silber zurück, und ein mildes Lächeln legte sich auf seine Züge. Das Grauen des Krieges schien abgewendet. Dann verzogen sich seine Lippen angewidert.
Der Klackonier hatte begonnen, mit den Kauwerkzeugen über seinen rechten Thorax zu lecken und gleichzeitig mit den vier Armen dazwischen zu reiben. Zähe Verdauungsflüssigkeiten tropften auf den Boden. Te Ave schluckte bedächtig und schloss die Augen.
"Es sind eben Insekten," hörte er Dismila leise in sein linkes Ohr flüstern. "Denkt immer daran, Majestät: Wenn Ihr Euch am Kopf kratzt oder gähnt, wird ihn das ebenso abstoßen, weil er erkennt, was wir vergessen haben: Dass wir von Urcati-Affen abstammen und uns noch genauso kratzen wie damals, so wie die Klackonier sich noch genauso putzen wie damals."
"In Ordnung," flüsterte Te Ave und öffnete die Augen wieder. Laut sagte er: "Meine Berater werden alles Nötige veranlassen." Er nickte ihnen zu, als Zeichen dafür, dass sie nicht mehr gebraucht wurden. Ajovis und Temperis verließen schweigend den Raum. Dismila wurde von Te Ave noch einmal kurz zurückgehalten. "Rot Einhundertneunzehn auf Einunddreißig, Vierzehn, Vierundzwanzig. Sie verlieren Spielstein Neun."
"Grün Dreiundvierzig auf Sechzehn, Zehn, Neunundzwanzig," antwortete Dismila und war weg. Te Ave schüttelte den Kopf. Dismila hatte ihn mit einem neuen, genialen Zug völlig aus dem Konzept gebracht. Seine Spielsteine hatten die des Imperators praktisch eingeschlossen, ohne dass der es gemerkt hatte. Dabei scheiterten selbst die modernsten Computer noch an Numera und Sidius.
"Gibt es noch etwas?" fragte Swanniss ohne Ungeduld.
Der aus seinen Gedanken gerissene Te Ave richtete sich kerzengerade auf. "Natürlich. Kommen Sie bitte mit, ich würde Ihnen gern mein Schiff zeigen."
Swanniss folgte dem Psilonier gehorsam nach draußen auf den Korridor. Te Ave nahm einen Übersetzungscomputer mit, um weiterhin mit Swanniss kommunizieren zu können.
"Auf dieser Fähre habe ich fünf Jahre meines Lebens verbracht," erklärte er dem Klackonier, während sie nebeneinander den Gang hinunterschritten und Te Ave Sektion auf Sektion vorstellte. "Sie ist mir geradezu ans Herz gewachsen. Wie ein Teil meiner Selbst. Jedes Bauteil hat seine eigene Geschichte. Manche der MIs kenne ich vom Moment der Erzeugung an. Wenn dieses Schiff zerstört werden würde, würde damit auch ein Teil von mir zerstört werden."
Swanniss war verwirrt, ließ es sich aber nicht anmerken. Wovon redete der Psilonier? Wollte er damit zum Ausdruck bringen, dass er einer kybernetischen Rasse angehörte, die in halbsymbiotischer Konstellation mit ihren Schiffen lebte? Oder war es wieder Ausdruck jener merkwürdigen Individualität, die die Psilonier zu pflegen schienen; jener Aufsplitterung ihres Schwarms?
"Mich würde interessieren," wechselte er das Thema, "weswegen diese Propylpolyäthylenschichten Ihren natürlichen Körper überziehen."
Te Ave lachte, was Swanniss noch mehr verwirrte. "Meine Kleidung." Er lachte noch einmal. "So etwas scheinen Sie nicht zu haben. Sehen Sie, unser Organismus ist extrem temperaturempfindlich. Zu der Zeit, als wir uns gerade zu einer denkenden Spezies entwickelt hatten, entwickelten wir die Fähigkeit, mithilfe solcher Werkstoffe unseren Energiehaushalt stärker zu rationalisieren. Inzwischen – wir sind ja nun im Besitz von fortschrittlichen Heiz- und Kühltechnologien – verwenden wir Kleidung fast ausschließlich nur noch zur Verhüllung unseres Geschlechts."
"Sie verhüllen Ihr Geschlecht? Warum?"
Te Ave kratzte sich peinlich berührt über dem Auge. "Weil..." begann er, aber ihm fehlten die Worte. "Um eine gewisse Distanz untereinander aufrecht zu erhalten."
"Wozu?" fragte Swanniss interessiert. Hier schien er ja wirklich an einen der zentralen Punkte dieser völlig fremden Denkweise gelangt zu sein. Diese Wesen bauten absichtlich Distanz zueinander auf – undenkbar! "Distanz vom anderen erzeugt Reibungsverluste, Kommunikationsprobleme. Die effizienteste Gesellschaft ist die, in der jeder mit jedem zu jeder Zeit vorbehaltlos und ohne Missverständnisse kommunizieren kann."
"Richtig, aber wir schleppen immer noch Aspekte unserer Ära als triebhaftes Tier mit uns herum," erklärte Te Ave nachdenklich. Er schritt nun mit auf dem Rücken verschränkten Händen einher. "Wenn wir ein Wesen des anderen Geschlechts ohne Kleidung sehen, werden unsere Triebe wach und übernehmen die Kontrolle über unseren Verstand. Wir hätten sehr viel größere Reibungsverluste ohne Kleidung, als mit."
Swanniss machte eine Bewegung, die man als Nicken interpretieren konnte. (Er hatte sie Te Ave abgeguckt und kannte ihre Bedeutung.) "Wir haben diese Triebhaftigkeit bei vielen Tierarten beobachtet, und ich verstehe sehr gut, dass sie einer intelligenten Spezies wie der euren große Probleme bereitet."
"Oh, so würde ich das nicht ausdrücken," begehrte Te Ave auf, "diese Triebhaftigkeit hat ihre Vorteile. Sie kann zu... nun ja... gewissen erlösenden Gefühlen führen, wenn man sie zu zweit... äh, praktiziert. Oder allein."
Swanniss wandte Te Ave seinen Blick vollständig zu und betrachtete das kleine Wesen neben ihm mit einer gewissen Belustigung. (Belustigung, ja, das war wohl auf Psilonisch das entsprechende Wort.) Eine Sache, die man zu zweit oder alleine durchführt und die auch noch erlösend sein sollte. Das war zu viel für Swanniss. Bindung an andere aufgrund von Unterstützung, nun gut, einzelgängerisches Schwarmsystem, in Ordnung, aber dass irgend etwas ‚erlösend’ sein könne, das man zu zweit oder alleine praktiziert und das nicht dem Schwarm dient, das war undenkbar. Oder zumindest so fremd, dass er es niemals verstehen würde.
"Es verstärkt die Bindung an die zweite Person, wenn man es zu zweit... praktiziert," erklärte Te Ave schnell. Er hatte Swanniss’ Verwirrung instinktiv bemerkt, obwohl dieser keine Mimik besaß, mit der er sie hätte ausdrücken können. Swanniss’ Gesicht bestand aus einem starren Chitinpanzer, und die einzigen beweglichen Bereiche waren die Kauwerkzeuge.
Bei der Betrachtung der Kauwerkzeuge kam Te Ave ein Gedanke. Er trat an einen Nahrungsverteiler heran und wählte eine Nummer, zog zwei Papptellerchen mit Kuchen hervor.
"Geben Sie mir die Ehre und kosten von einem Stück typisch psilonischer Nahrung," sagte er und hielt Swanniss einen der Kuchen hin. Der Klackonier nahm ihn, blickte Te Ave an, dann wieder den Kuchen. Te Ave biss zur Ermunterung ein Stück von seinem Kuchen ab, kaute und schluckte.
Swanniss stieß einen Schwall von Verdauungssekreten hervor, der den Kuchen binnen einer halben Sekunde in Brei verwandelte. Dann warf er ihn mitsamt der Polymerpappe in seinen Schlund.
Te Aves leichter Ekel vor dieser Szene trat ganz vor der Angst um Swanniss zurück. Er befürchtete, die Verdauungssäfte im Körper des Klackoniers könnten die Polymere nicht zersetzen. Dem schien aber nicht so zu sein.
"Wenn ich das richtig verstehe," sagte Te Ave und setzte sich wieder in Bewegung, "dann haben Klackonier also kein Geschlecht?"
"Unsere Forscher sagen, wir hätten einmal eines gehabt. Aber nur unsere Königinnen haben heute noch eins. Und die Männer, aber die sind nur eine sehr kurze Zeit fruchtbar und müssen danach künstlich am Leben erhalten werden."
Wie in einem Ameisenstock, dachte Te Ave schockiert. Swanniss war also im biologischen Sinne eine Arbeiterin, ein weibliches Wesen mit verkümmerten Genitalien und ohne Fortpflanzungstrieb, eine androgyne Gestalt. Aber das Erstaunlichste war, dass sie die unfruchtbar gewordenen Männchen künstlich am Leben erhielten.
Erst jetzt erkannte Te Ave, dass Swanniss am Rücken eine mit Klammern befestigte Metallschiene trug. "Was ist denn das da?"
"Das?" fragte Swanniss, der Te Aves Blick folgte und seinen Kopf um hundertachtzig Grad verdrehte, "das ist nur ein Kleinod. Einige von uns finden Gefallen daran, solche Dinge herzustellen."
Te Ave nickte versonnen. Das bestätigte seinen Verdacht. Die Psilonier waren Gefühlswesen, die im Lauf der Jahrtausende ihre Planungsfähigkeit erst hatten entwickeln müssen. Bei den Klackoniern war es andersherum. Sie waren aus extrem effizient arbeitenden Tieren hervorgegangen und stellten die Meister der Planung dar. Dafür befanden sie sich erst am Anfang ihrer Entwicklung als Kultur. Es existierte bei ihnen nicht einmal ein kulturelles Bewusstsein; Swanniss war sich offensichtlich nicht darüber im Klaren, dass das, was er da auf dem Rücken trug, ein Kunstwerk war. Ein Kunstwerk, von einem Mitglied seiner eigenen Rasse entworfen. Außerdem waren Klackonier offensichtlich zur Empathie fähig; wie sonst ließ sich erklären, dass die nach der Befruchtung der Königinnen für den Schwarm nutzlosen Drohnen noch am Leben erhalten wurden? Nein, auch wenn sie sich selbst dessen noch nicht bewusst waren: Diese Insekten begannen, rudimentäre Emotionen zu empfinden.
"Wie viele Klackonier gibt es eigentlich?" fragte Te Ave unverfänglich.
"Es sind achthundert Milliarden, wenn man alle Verpuppungsstadien zusammenrechnet," erwiderte Swanniss vorbehaltlos.
In Te Aves Kopf drehte sich alles. Kein Wunder, dass die Klackonier so fortschrittlich waren. Te Ave – und fast alle anderen Psilonier auch – waren immer davon ausgegangen, dass es keine andere Methode zur Erlangung wissenschaftlicher Fortschritte gebe, als hohe wissenschaftliche Ausbildung und gigantische Geistesfähigkeiten. Swanniss bewies ihm das Gegenteil. Die Klackonier schienen nicht gerade intellektuell und kreativ im wissenschaftlichen Sinne zu sein, aber was dem Individuum an Geistesgaben fehlte, machte ihre Masse wett. Zehntausend Forscher mit niedriger Kreativität wogen tausend Forscher mit hoher Kreativität effektiv auf. Klasse durch Masse. Die Stärke der Klackonier lag nicht im Wesen des Einzelnen, sondern in ihrer vorbehaltlosen Kommunikationsfähigkeit, ihrer Uneigennützigkeit. Sie waren von ihrer Natur her nicht auf sich als Individuum ausgerichtet, sondern nur auf sich als ganze Spezies. Indem sie alle nur auf ein einziges Ziel hinarbeiteten, hatten sie trotz all ihrer Defizite ein größeres und effizienteres Reich errichtet, als es die Psilonier je besessen hatten. Was für ein bewunderungswürdiges Volk. Lebte in einer perfekten Demokratie, an der die Psilonier wiederholt gescheitert waren. Über die Monarchie waren diese nicht hinausgekommen; sie brauchten einen starken Mann, der sie zur Räson rief und ihnen sagte, was zu tun war. Te Ave schüttelte den Kopf. Ein Witz. Seine Rasse, auf die er immer den größten Stolz verspürt hatte, seine geistigen Fähigkeiten, die er für so beeindruckend hielt, entpuppten sich im Spiel der Evolution als unterlegenes Prinzip.

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